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Preußens umstrittenes Erbe





Der Reichstag in Berlin 1901 (oben)
Die Neue Wache in Berlin (Mitte)
Gendarmenmarkt in Berlin (unten)


1701 wurde Friedrich der erste König von Preußen. Für die einen ist das Jubiläumsjahr 2001 nur Popanz um Pickelhauben, für die anderen Erinnerung an große deutsche Geschichte.

 

Fotos: Senat von Berlin. Text: Gerald Praschl (2001)

 

Die "rote Gräfin" Marion Gräfin Dönhoff, geboren 1909 in Ostpreußen, Herausgeberin der linksliberalen Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" beschreibt den Geist Preußens mit drei Begriffen: "Toleranz aus Vernunft, Staatsräson in der Hierarchie, Loyalität ohne Willfährigkeit." Der Alliierte Kontrollrat sah das einst anders. Per "Gesetz Nr.46" verfügte das Gremium der vier Siegermächte in Deutschland am 25. Februar 1947 die Auflösung Preußens. Begründung: Preußen sei "seit jeher der Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen."

 

 

Preußen und die Nazis

Waren also die Preußen schuld am Nazi-Terror? Gräfin Dönhoff, die 1945 auf einem Pferd aus ihrer Heimat und ihrem ostpreußischen Gutshof floh, will das nicht gelten lassen. Dönhoff: "Unter den zehn Nazis der Führungsspitze gab es keinen Preußen. Aber beim Aufstand gegen Hitler am 20. Juli 1944 waren 75 Prozent der Angehörigen des Widerstands Preußen." Schwarz-Weiß wie die Landesfarben ist das Bild Preußens bis heute von Klischees geprägt - am meisten im Ausland. Die preußische "Pickelhaube" steht dort für bornierte,humorlose Witzfiguren und vereint alles, was die Welt an Deutschen nicht mag. Kein Vergleich mit Maßbier, Gamsbart und Lederhose der ehemaligen Konkurrenz aus Bayern und Österreich, die heute weltweit positiv besetzt sind und als Weltkulturerbe gefeiert werden. Ist das angesichts von Führers Abkunft, seiner Lederhose, Kaltenbrunner, Alois Brunner, Mengele, Eichmann & Co, dem Obersalzberg, Dachau, Flossenbürg und dem Sturm auf die Münchner Feldherrnhalle nicht ungerecht?

 

Pickelhauben und Kriegstreiber?

Nun, die Pickelhaube wurde 1842 von Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) eingeführt. Das war der Preußen-König, der 1849 die deutsche Kaiserkrone ablehnte, die ihm das demokratische Frankfurter "Paulskirchen-Parlament" verleihen wollte. Und der damit der ersten demokratischen Revolution in Deutschland den Sargnagel einschlug. In Verruf brachte die Pickelhaube aber

erst sein Großneffe, Kaiser Wilhelm II., der bis zu seinem Tod im holländischen Exil 1941 die Uhr gerne zurückgestellt hätte, die ihn nicht erst auf den Schlachtfeldern von Verdun überholt hatte. Am 11. Geburtstag seines Enkelsohns, des späteren Chefs des Hauses Preußen, Louis Ferdinand, (1907-1994), "dankte" er am 9. November 1918 ab.

 

Das Preußenjubiläum

Das "Preußenjahr 2001" soll nicht unbedingt an solche Tiefpunkte, sondern mehr an die guten Seiten Preußens erinnern. An den "Großen Kurfürsten" Friedrich Wilhelm (1620 - 1688), der den Grundstein für die Blüte des damals noch rückständigsten Teils Deutschlands legte. An Kurfürst Friedrich III., der sich im Januar 1701, vor genau 300 Jahren, zum "König in Preußen" krönte. Und an den berühmtesten Herrscher Preußens, König Friedrich II., genannt der "Alte Fritz" oder"Friedrich der Große" (1712-1786). Er förderte die schönen Künste und große Baumeister. Seine tolerante Weltsicht lockte Intellektuelle und verfolgte Minderheiten aus ganz Europa in die auch damals noch rückständige märkische Puszta.

 

Preußen und die DDR

Die DDR-Führung, die nach dem Krieg viele preußische Schlösser sprengen oder verkommen ließ, besann sich erst spät auf das große Erbe. 1980 ließ Erich Honecker das Standbild vom Alten Fritz wieder Unter den Linden in Berlin aufstellen. So wollte er bei seinen Untertanen für mehr Liebe zum sozialistischen Vaterland werben. Im DDR-Fernsehen warb einige Jahre später ein aufwendig produziertes TV-Drama für "Sachsens Glanz und Preußens Gloria". Intern waren die Ideale des "preußischen Offiziers" und seines Gehorsams gern gesehene Traditionen bei den "bewaffneten Organen", der Nationalen Volksarmee und dem hunderttausend Mann starken

Ministerium für Staatssicherheit. Solange sie ohne die Insignien der alten Macht, der Preußenfahne und dem schwarzen Adler, sondern unter roter Fahne und Hammer und Zirkel gepflegt wurden. Genützt hat Honecker und der Macht der Kommunisten das bekanntlich nicht mehr.

 

Ist Preußen noch aktuell?

Dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Brandenburg, das neben Sachsen-Anhalt und Berlin einer der berufendsten Rechtsnachfolger Preußens ist,darf man glauben, dass er nicht etwa als seinerzeit gut gelittener Gesprächspartner von SED und MfS an Honeckers spätes Preußen-Faible anknüpft. Sondern aus der Überzeugung heraus, dass seine durch die Hitler-Diktatur und die Herrschaft der Kommunisten ausgeblutete Mark Brandenburg Heimatverbundenheit, Tradition und überörtliche Sympathie gut brauchen kann. Stolpe: "Wenn es uns gelingen würde, den Stolz auf das eigene Land zu stärken, hätte das Preußenjahr schon

seinen Zweck erfüllt."

 

 


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