| Das Leben des Zoran Djindjic |
| Geschrieben von: Gerald Praschl |
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Foto: Demokratska Stranka. Text: Gerald Praschl (2003), veröffentlicht in "Horch&Guck", Zeitschrift des "Bürgerkomitee 15.Januar", Berlin
(Deutsch) (Srbski jezik)
„Serbien war die Bastion, die die europäische Kultur, Religion und die europäische Gesellschaft insgesamt verteidigt hat. Deshalb ist es ungerecht und sogar unhistorisch und absurd, heute über Serbiens Zugehörigkeit zu Europa zu diskutieren. Serbien war immer ein Teil von Europa und genau wie früher auf seinem eigenen Weg, aber auf einem Weg, der seinem historischen Gefühl, seiner Würde entsprach. In diesem Sinne bauen wir eine Gesellschaft auf, die reich und demokratisch ist, die ihren Beitrag leistet zum Gemeinwohl dieses wunderbaren Gebietes, eines ungerecht leidenden Landes, das aber mit seinen progressiven Menschen dazu beitragen wird, eine bessere und glücklichere Welt zu schaffen.“
Diese Worte könnten auch von Zoran Djindjic stammen. Gerne bediente er sich – vor allem bei Reden, die er in seiner serbischen Muttersprache hielt, dem „serbischen“ Thema, um in die Herzen seiner durch die nationale Katastrophe Serbiens inzwischen mehrheitlich depressiven und orientierungslosen Landsleute zu dringen. Das Zitat stammt aber vom lebenslangen Erzfeind Djindjics: dem serbischen Kommunistenführer Slobodan Milosevic. Es ist Teil der Rede, die Milosevic am 28. Juni 1989 vor 2 Millionen angereisten Serben auf dem Amselfeld bei Pristina hielt. Das martialische Medienereignis, bei dem Milosevic damals in dunklen Andeutungen das „Schicksal der Serben“ beschwor, machte allen nichtserbischen Einwohnern des damaligen Jugoslawiens berechtigterweise Angst und ließ in ihnen eine dunkle, leider zutreffende Vorahnung von großem Unheil aufsteigen. Wie blanker Hohn klingt mit dem Wissen von heute der Appell, mit dem Milosevic seine Ansprache am 28. Juni 1989 schloss: „Lang lebe der Frieden und die Brüderschaft zwischen den Völkern!“
Der 28. Juni heißt im serbischen „Vidovdan“, es ist der Tag des slawischen Nationalheiligen Sankt Veit. Er war für Serbien stets ein ganz besonderes Datum. Am Sankt-Veits-Tag des Jahres 1389 unterlagen die slawischen Krieger des serbischen Königs Lazar und seines Heerführes Milos Obilic auf dem Amselfeld bei Pristina der Armee des türkischen Sultans. Über 500 Jahre lang fiel der gesamte Balkan unter die Herrschaft der muslimischen Osmanen. Bis heute schmücken Gemälde vom tragischen Heldentod der serbischen Verteidiger des christlichen Abendlands auf dem Amselfeld viele Wohnzimmer serbischer Familien. Alle Pathetik und Geschichtsfälschung weggerechnet, ist die Geschichte der Schlacht auf dem Amselfeld ein gewichtiges und interessantes Stück nationaler Identität dieses Landes. Nach dem Niedergang der Osmanen griff zu Anfang des 20. Jahrhunderts Österreich-Ungarn nach der Macht im Südosten Europas. Am Sankt-Veits-Tag des Jahres 1914 erschoss der serbische Nationalist Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand. Nach vier Jahren Weltkrieg war Österreich-Ungarn von der Landkarte verschwunden und der serbische König Alexander Karadjordevic begründete das südslawische Reich der Serben, Kroaten und Slowenen, das seit 1929 „Jugoslawien“ hieß und unter serbischer Führung stand. So wundert es nicht, dass sich Zoran Djindjic in der kurzer Zeit, in der er an Spitze Serbiens stand, ausgerechnet den Sankt-Veits-Tag, den 28. Juni des Jahres 2001, aussuchte, um der ganzen Welt zu demonstrieren, daß für Serbien eine neue, bessere Zeit begonnen habe. An diesem Tag ließ er den entmachteten Slobodan Milosevic durch Sondereinheiten der Polizei aus seiner Belgrader Villa holen und lieferte ihn dem „Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien“ ICTY aus.
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