| Unterwegs in der "Zone" von Tschernobyl - Das Pompeji der Moderne. |
| Geschrieben von: Gerald Praschl | ||||||
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Das Pompeji der Moderne.
Pripjat ist eine Stadt, die es zweifellos verdient hätte, Unesco-Weltkulturerbe zu werden. Durch ihr trauriges Schicksal. Eine sowjetische Trabantenstadt, in den 70er Jahren errichtet. Damals für 40 000 Einwohner. Für die Familien der Angestellten des nahen Atomkraftwerks Tschernobyl. Die meisten kamen aus Russland. In den Dörfern rundherum, heute alles von Bäumen und Sträuchern überwucherte Geisterdörfer, wohnten einfache Leute, Ukrainer vom Dorf, Kleinlandwirte und Kolchos-Bauern. Am Abend des 26. April 1986 ahnten die wenigsten, wieso nebenan im Atomkraftwerk die Sirenen heulten. Dann kam der Befehl aus Moskau, die gesamte Region binnen weniger Stunden zu räumen. Angeblich sollten sie nur wenige Tage woanders unterkommen. Und dann zurückkehren.
Mitten in Pripjat steht bis heute das Karussell des Jahrmarkts, der dort zum 1. Mai 1986 aufgebaut war. Im Fundus des örtliches Kulturhauses entdecke ich die Plakate mit den Konterfeis der Mitglieder des Politbüros der KPDSU, die zur Maiparade durch die Stadt getragen werden sollten. Auf dem höchsten Gebäude der Stadt prangt der Sowjetstern. Nur das Rot ist inzwischen etwas abgeblättert. Durch das marode Treppenhaus, unter tropfenden Betondecken, steige ich hinauf, in den 20. Stock, zuletzt über eine Feuerleiter, und blicke vom Dach auf den Reaktor. Wieviel Plutonium knirscht unter meinen Füssen? Valentins Geigerzähler knistert bedenklich. Er meint: "Macht ein Foto, und dann schnell weg von hier." Unten bellen wildernde Hunde. Pripjat, von der Reaktorkatastrophe konserviert für die Ewigkeit, die letzte sowjetische Stadt. Das Pompeji der Moderne. Nur mit den zwei Unterschieden, dass das römische Reich 1000 Jahre währte, das Sowjetische Reich aber nur knapp über 70. Und das Pompeji einer klassischen Naturkatastrophe zum Opfer fiel, die Sowjet-Kommunisten aber ihrer eigenen Natur, sich selbst.
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