| Unterwegs in der "Zone" von Tschernobyl - Das Problem mit dem Tschernobyl-Aids |
| Geschrieben von: Gerald Praschl | ||||||
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Das Problem mit dem "Tschernobyl-Aids".
Die weitaus größeren Probleme sieht die Medizinerin heute in den Folgen der Belastung der Region mit radioaktivem Caesium und Strontium. Rund 90 Prozent aller Kinder in einer Entfernung von bis zu 200 Kilometer rund um die 30 mal 60 Kilometer große, nach dem Beschluss der Sowjetführung wenige Tage nach dem Unglück - und bis heute - entvölkerte "Zone" litten deswegen heute unter Immunschwäche-Erkrankungen. Der reine Aufenthalt in dieser Region ist dabei gar nicht das Problem. Sondern vielmehr, dass die überwiegend für europäische Verhältnisse sehr einkommensschwache Bevölkerung dort sich ihre Nahrungsmittel aus dem Garten und dem Wald selbst organisieren muss. Pilze sind ein Hauptnahrungsmitteln in der Region. Die meisten Menschen in den Dörfern essen ganzjährig mehrmals am Tag frische oder konservierte Pilze oder eingelegte Waldfrüchte. Daneben Gartenfrüchte. Geheizt wird mit Holz aus dem Wald. Denn Geld für einen Einkauf im Supermarkt mit Waren von auswärts haben nur die wenigsten. Selbst ein Oberarzt im Krankenhaus bezieht nur ein offizielles Gehalt von rund 100 Euro im Monat (Stand April 2006), auch wenn vor Ort praktisch jeder mit der Schattenwirtschaft noch mehr oder weniger dazuverdient.
Im Großraum rund um die Unglücksregion wäre die Katastrophe also heute leicht zu beherrschen, würden die Menschen dort nicht aufgrund ihrer wirtschaftlichen Not gezwungen sein, sich überwiegend von Waldpilzen, Wild und Gartenfrüchten zu ernähren. Und aufgrund der Halbswertzeiten der radioaktiven Elemente, überwiegend Caesium-137 und Strontium-90, wird sich die Belastung der Region weitgehend nivelliert haben. Eichen, zum Beispiel, die dort heute gepflanzt würden, könnten in etwa 150 Jahren, wenn sie zum Fällen anstehen, problemlos als Möbelholz oder Brennholz verwertet werden. Overkill? Fehlanzeige. Im direkten Umkreis um den Reaktor allerdings sind die Folgen weit verheerender. Und zwar wegen der zweiten Phase der Katastrophe, dem 14 Tage dauernden Brand des Reaktorgebäudes. Hilfskräfte aus der ganzen Sowjetunion, die wegen der Strahlenbelastung jeweils nur wenige Minuten am Brandort im Einsatz waren, versuchten, diesen Brand mit Blei und Sand zu löschen. Das totalitäre Sowjetregime hat diese Menschen damals einfach zu ihrem gefährlichen Einsatz abkommandiert. Die meisten diesen Helfer haben zwar bis heute überlebt. Die wenigsten dürften aber über die Gefahr informiert gewesen sein. Wäre eine freiheitliche Demokratie bei uns im Westen mit einer freien Presse und unabhängigen Gerichten in der Lage, ähnlich totalitär zu agieren, wenn so etwas bei uns passieren würde, und es nötig wäre, zehntausende "Freiwillige" zur Brandbekämpfung einzusetzen? Die wirkliche Katastrophe.
Der Brand setzte große Mengen radioaktiven Plutoniums und Americiums frei. Diese Schwermetalle konnten sich anderes als die leichten Stoffe Caesium und Strontium nicht so weit verbreiten, sondern gingen mit dem Brandrauch in direktem Umkreis, überwiegend in der heutigen Sperrzone nieder, 30 mal 60 Kilometer rund um den Reaktor. Damals an der Oberfläche, sind sie inzwischen rund 50 Zentimeter tief in den Boden eingedrungen. Bei dieser Geschwindigkeit, so erläutert Valentin, werden sie noch einige Jahrzehnte brauchen, um das Grundwasser zu erreichen. Aufhalten kann das aber niemand. Nachdem sie das Grundwasser erreicht haben, gelangen sie in den nahen Fluss Dnjepr und von dort in das Schwarze Meer und die Weltmeere. Die Verdünnung dürfte ihre Wirkung aber um einiges reduzieren. Plutonium wie auch Americium sind "Alpha-Strahler". Stoffe mit zwar starker biologischer Wirkung auf kurze Distanz, aber nur dann, wenn der menschliche Körper sie direkt inkorporiert. Ein Barren aus Plutonium würde uns viel schwerer als Eisen oder Stahl vorkommen. Seine Radioaktivität wäre für uns, so lange wir ihn mit Handschuhen anfassen, aber nicht gefährlich. Denn schon eine dünne Luftschicht von wenigen Millimetern oder ein Handschuh schirmen die von ihm ausgehende radioaktive Alpha-Strahlung vollständig ab. Anders sieht das aus, wenn unser Körper über die Atmung oder die Nahrungswege Plutonium-Staub aufnimmt. Dann gelangt dieser Stoff ganz nahe an unsere Zellen und ist dort besonders krebserrregend.
Das in der heute vom ukrainischen Militär überwachten "Zone" verbreitete Plutonium und Americium hat Halbwertszeiten im Bereich von 25 000 Jahren. Es wird also noch in etwa 1000 menschlichen Generationen ähnlich hoch strahlen. Auch wenn es sich dann vielleicht längst mit dem Grundwasser über die ganze Welt verteilt hat. Die heutige "Zone" rund um Tschernobyl wird voraussichtlich für mindestens denselben Zeitraum für menschliche Besiedlung ungeeignet sein. 25 000 Jahre oder eher länger. Das Plutonium sinkt zwar tiefer und stellt damit trotz seiner hohen Halbwertzeit an der Oberfläche zunehmend kein Problem mehr dar. Doch wer wollte sich dort in den nächsten paar zehntausend Jahren noch von seinem Ersparten freiwillig sein Einfamilienhäuschen bauen?
Tschernobyl war eine ukrainische Kleinstadt am Fluss Pripjat, bevor die Sowjets kamen und dort das Atomkraftwerk bauten. Eine orthodoxe Kirche, viele kleine Häuser und Kleinbauern, ein paar Straßen, ein Friedhof. Drei Tage schwieg das Sowjetregime die Katastrophe tot. Dann bekam der Westen buchstäblich "Wind" davon, und das Politbüro musste handeln. Nach dem Evakuierungsbefehl am 29.April 1986 mussten alle Einwohner binnen Stunden ihre Häuser verlassen. Busse holten sie ab, sie wurden zunächst in Notquartieren überwiegend im nahen Kiew untergebracht. Dann wurden ihnen dort kleine Wohnungen im Plattenbau zugewiesen. Viele der Dörfler, die bis dahin gewohnt waren, in ihrem eigenen Haus mit Garten zu leben und ihres eigenen Schicksals Schmied zu sein, konnten damit nichts anfangen. Tausende gingen auf eigene Faust, oft zu Fuß, zurück in die verbotene "Zone". Sie bekamen keinerlei Unterstützung, mussten sich vor den Behörden sogar verstecken. 20 Jahre später sind die meisten tot. Ob sie an der Strahlung starben oder am Wodka hat bisher keinen Forscher interessiert.
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