Bücher von G. Praschl

  • "Ich habe Nein gesagt"
    Zivilcourage in der DDR

    Ein Buch von Gerald Praschl und Marco Hecht, Homilius-Verlag, Berlin 2002. Mit einem Vorwort von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse

    Weiterlesen...
  • Mutfrauen in der DDR
    "Mut-Frauen in der DDR"
    ist ein Buch von Bärbel Bohley, Gerald Praschl und Rüdiger Rosenthal, erschienen 2005 im Verlag Langen Müller Herbig, München, ISBN 3-7766-2434-5. Weiterlesen...

  • "Der Aufstand Juni '53".


    Packende Zeitzeugenberichte zum 17. Juni 1953: Die Ereignisse aus der Sicht von Beteiligten und Betroffenen.
    Weiterlesen...


superillu


Praschl auf Twitter

Unterwegs in der "Zone" von Tschernobyl - Dabei hat er einen wichtigen Job.
Geschrieben von: Gerald Praschl   
Beitragsseiten
Unterwegs in der "Zone" von Tschernobyl
Dabei hat er einen wichtigen Job.
Das Problem mit dem
Das Pompeji der Moderne.
Alle Seiten

Dabei hat er einen wichtigen Job.

 

Den zeigt er uns am nächsten Morgen. Wir fahren in die am höchsten belastete Zone, nur wenige hundert Meter neben dem Reaktor. Der "rote Wald". Bekannt an jedem deutschen Stammtisch. Durch die hohe Radioaktivität seien die Nadeln der Kiefern hier rot geworden, so die Legende. Hat die Strahlung das Erbgut etwa total umgepolt? Was genau passiert ist, erforschen Valentin und seine Kollegen hier seit fast 20 Jahren. Der Wald, der hier ursprünglich stand, wurde damals mit Panzern und Baggern niedergemacht, die Stämme zwei Meter tief in die Erde eingegraben. Darüber wurden neue Kiefern gepflanzt. Auch deren Nadeln verfärbten sich. Gelb bis hellrot. Der Geigerzähler, den Valentin dabei hat, tickert wild. "Wir sollten uns hier nicht allzu lange aufhalten", meint er. Nur soviel: Der Boden ist zweifellos hochgradig mit Plutonium und Americium verseucht. Die Verfärbung der Nadelbäume allerdings rührt nicht von einem strahlenbedingten Gen-Defekt her. Sondern von der toxischen Wirkung dieser Schwermetalle. Die Bäume werden dadurch vergiftet, außerdem nehmen sie zu wenig Wasser aus dem Boden auf und vertrocknen.

 

Auf dem Rückweg in das Dorf Tschernobyl passieren wir das Denkmal für die 137 Werks-Feuerwehrleute, die nach dem Unglück versuchten, das Höllenfeuer zu löschen. Sie wurden hochgradig verstrahlt, verloren die Haare, ihre Haut löste sich ab, dann starben viele von ihnen qualvoll. Vom Sowjet-Regime wurde das damals totgeschwiegen. In der heutigen Ukraine ist das anders, sie werden als Helden verehrt. »Denen, die die Welt retteten«, steht auf der Inschrift. Sie waren die ersten, die noch in der Nacht des 26. April 1986 am Ort der Katastrophe versuchten, zu retten, was noch zu retten war. Wieviele von ihnen in dieser Nacht wissend in den Tod gingen, um das Feuer zu löschen, und wie viele  in Unkenntnis der tatsächlichen Gefahr "verheizt" wurden, bleibt im Dunklen. Es waren die Männer der Werksfeuerwehr des Atomkraftwerks, wahrscheinlich durchaus vertraut damit, was eine Kernschmelze im Reaktor anrichten kann. Und was nicht in der Natur vorkommende, sondern durch die Kerntechnologie künstlich erzeugte Stoffe wie Plutonium oder Americium sind. Die aber auch wussten, wie wichtig es war, das Höllenfeuer schnell unter Kontrolle zu bringen. So haben vielleicht wirklich viele von ihnen bewusst ihr Leben geopfert, um die Welt zu retten. Der Ablauf des Unglücks, heute an vielen Stellen nachlesbar in aller Kürze:

 

Die Katastrophe spielte sich in zwei wesentlichen Phasen ab.

 

Die Explosion des Reaktors in der Nacht des 26. April 1986 sprengte die Beton-Hülle des Reaktorgebäudes und setzte zunächst eine gewaltige Wolke der radioaktiven Stoffe frei, die bei Hitze sehr schnell verdampfen und sich in Gasform deshalb schnell und weit verbreiten. Iod-131. Caesium-137. Und Strontium-90. Um die drei auf den menschlichen Organismus wirksamsten Elemente zu nennen, die später bei der Forschung nach den Folgen die größte Rolle spielten. Die "Wolke", die westeuropäische Messstationen kurz darauf registrierten, als die Sowjetführung das Unglück immer noch geheim hielt. Die "Wolke" verteilte diese Stoffe höchst unregelmäßig, je nachdem, wo es in den Folgetagen gerade regnete. So kommt es, dass zwar ein Großteil des radioaktiven Fallouts sich in einer Region von überwiegend 200 Kilometer nördlich bis 400 Kilometer westlich des Reaktors niederschlug. Also in den westlichen Gebieten der Ukraine und den südlichen Regionen Weißrusslands. Es gibt aber auch einige Mikro-Regionen in Bayern, Sachsen oder Tschechien, in denen dieser Fallout genauso hoch war. Dazwischen dann wieder nur wenig Fallout. Die Belastung mit den radioaktiven Isotopen von Caesium und Strontium ist bis heute an diesen Orten in ähnlicher Größenordnung vorhanden, denn die Halbwertszeit dieser Stoffe liegt bei 30 Jahren beziehungsweise 28 Jahren.

 

Zunächst spielte aber vor allem das ebenfalls in großen Mengen freigesetzte Iod-131 die Hauptrolle. Aufgrund seiner krebsfördernden Wirkung auf die menschliche Schilddrüse löste es insbesondere in West-Europa Massenanstürme auf Apotheken aus, die Iod-Tabletten führten, die die schädliche Wirkung auf den Organismus begrenzen sollten. Iod-131 hat nur eine sehr kurze Halbwertszeit von acht Tagen, die radioaktive Belastung war also bereits wenige Wochen nach der Katastrophe gleich Null. Es hat aber auch eine hohe biologische Wirksamkeit. Prof. Dr. Ewgenia Stepanowa, Chefärztin der Radiologischen Klinik in Kiew, die wir vor Ort treffen, schätzt die Zahl der durch den Iod-Fallout ausgelösten Fälle von Schilddrüsenkrebs auf dem Gebiet der Ukraine auf etwa 4000. Da die Heilungschancen bei Schilddrüsenkrebs aber sehr gut stehen, geht sie dabei nur von einigen Dutzend Todesopfern aus.