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Oktober 2009. Ein "stilles Jubiläum". SUPERillu feiert nicht nur 20 Jahre friedliche Revolution in Ostdeutschland. Sondern auch die tausendste Ausgabe. Die letzten Zeilen für die tausendste Ausgabe von SUPERillu habe ich gerade vor einigen Stunden ins System getippt. Ein Text über die bewegende Feier zum 20sten Jahrestag der berühmten Leipziger Montagsdemo, die damals als „Tag der Entscheidung« in die Geschichte einging. Die Menschen demonstrierten damals für ein offenes Land, für die Freiheit. Für die Reisefreiheit. Und auch für die Meinungs- und Pressefreiheit. Ohne die Montagsdemos und die friedliche Revolution von 1989 in der DDR würde es keine SUPERillu geben. Wie es damals anfing, lesen Sie hier.
Als wir im Mai 1990 in einer improvisierten Redaktion in einigen kleinen Ost-Berliner Hotelzimmern anfingen, uns Gedanken darüber zu machen, was in der neuen SUPERillu drin stehen soll, war diese von den Montagsdemonstranten errungene Freiheit gerade mal ein halbes Jahr alt. Für mich und andere Kollegen, die damals aus Westdeutschland kamen, war der „wilde“ Osten genauso aufregend, wie für meine neuen ostdeutschen Kollegen der Westen, der gerade über sie hereinbrach.
Einige waren selbst Verfolgte des SED-Regimes gewesen. Andere hatten noch wenige Monate zuvor in den Redaktionen der SED-Zeitungen gearbeitet, für die „West-Verlage“ wie Burda oder Springer die „Feindpresse“ waren, „Kampforgane des Klassenfeindes“. Geglaubt hat diese hohle SED-Propaganda sicher kaum ein Journalisten-Kollege, im Regelfall noch nicht mal die, die sie selbst zu Papier brachten. Und auch sicher kaum einer der Leser dieser Blätter. Aber eine gewisse Distanz war spürbar.
Da fiel, nach 28 Jahren Mauer und 40 Jahren deutscher Teilung, schnell auf, wie wenig wir eigentlich voneinander wussten. So wurde die SUPERillu-Redaktion zu einer Schmiede der deutschen Einheit. Miteinander zu reden, sich auf Augenhöhe auszutauschen und vor allem täglich gemeinsam am Erfolg von SUPERillu zu arbeiten, hat aus uns damals schnell ein erfolgreiches Ost-West-Team gemacht.
„Aufregend frei“, war der Claim der ersten SUPERillu-Ausgabe, die im August 1990, in den letzten Wochen der DDR, erschien. Die erste Ausgabe erschien am 23. August 1990. Am selben Tag, an dem wenige Stunden vor Öffnung der Kioske, nachts um drei, die DDR-Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik beschlossen hatte. Aufregend abenteuerlich waren die Produktionsbedingungen. Nach den ersten Wochen, in denen die Redaktionskonferenzen auf zusammengerückten Hotel-Sofas stattgefunden hatten, waren wir heilfroh, im Gebäude der einst linientreuen DDR-Presseagentur ADN einige freigewordene Büroräume ergattert zu haben. Aus denen wehte der Eishauch der Geschichte. Hier saßen noch ein dreiviertel Jahr zuvor die „Betriebsparteiorganisation“ der SED und Stasi-Leute, die sich mit der Überwachung der Kollegen einige Stockwerke tiefer beschäftigt hatten.
Die Hauskantine bot zähe Papp-Buletten mit ranzigem Senf, nachts flitzten die Ratten durchs Gebäude. Nahezu unmöglich war es, von hier aus Kontakt mit dem Westen aufzunehmen, schon nach der internationalen Vorwahl ertönte das Besetztzeichen. Ende 1990 hatten wir einen der ersten in Ost-Berlin installierten West-Berliner Telefonapparate. Vor dem einzigen West-Apparat bildeten sich stets lange Schlangen, in die sich Chefredakteure genauso einzureihen hatten wie die Handwerker, die sich mit dem Einbau neuer Technik in die alten Büros beschäftigten.
Die Texte hackten wir mit elektrischen Schreibmaschinen auf Durchschlagpapier. Per Fax gelangten sie nach Offenburg. Mit den Fotos war das schwieriger. Dafür hatten wir mehrere Rentner angeheuert, die die Fotos als Kuriere in dicken Reisekoffern in Nachtzügen von Ost-Berlin ins Welten entfernte Offenburg brachten, wo die Druckvorlagen entstanden.
Die ersten SUPERillu-Hefte war damals 70 Seiten dick, kosteten eine Mark. Was stand drin? Durchaus kritischer, harter Journalismus. Schlagzeilen aus einer Dezemberausgabe 1990: „Alte Seilschaften in Ost-Betrieben – Warum ist unser neuer Chef immer noch der alte?“ „Sühne für den Stasi-Doppelmord“, „Braunkohlebagger – Lasst unser Dorf weiterleben!“ Aber auch handfeste Erotik, in den drögen von der Parteilinie bestimmten DDR-Medien 40 Jahre ein Tabu-Thema:
„So mache ich ihm wieder Lust auf Liebe.“ Aufregend frei eben. Und aufregend erfolgreich. Von der ersten Ausgabe an war SUPERillu die meist verkaufte Zeitschrift im Osten.
Die Erotik wird man heute in SUPERillu vergeblich suchen. Aber an vielen Punkten zählt auch heute noch das Erfolgsrezept von 1990. Kritischer Journalismus, Alltagsreportagen auf Augenhöhe. Ein umfangreicher Ratgeberteil, der unseren Lesern Lebenshilfe bietet. Auch Stars, bewusst auch mit einer Betonung auf Stars, die aus Ostdeutschland stammen, spielen heute eine wichtige Rolle. Nicht wenige dieser "Oststars" schafften übrigens nach 1990 ihren gesamtdeutschen Durchbruch.
Ganz bewusst hat sich SUPERillu auch auf die Fahnen geschrieben, darüber zu berichten, was sich dank der gemeinsamen Anstrengung von Ost und West in 20 Jahren deutscher Einheit positiv entwickelt hat. Über große Erfolge, zum Beispiel von Unternehmern, aber auch über die kleinen Träume, die sich für viele Menschen dank ihres eigenen Muts und ihrer eigenen Leistung, aber auch dank der endlich nach dem Ende des Sozialismus viel besseren Rahmenbedingungen erfüllt haben. Auch gute Nachrichten sind Nachrichten. Was daran „Ostalgie“ sein soll, wissen wir nicht. Oder ist es „Ostalgie“, von Ostdeutschland nicht nur im Zusammenhang mit vorhandenen oder auch erdachten Problemen zu berichten?
Nicht nur jetzt, zum 20sten Jahrestag des Mauerfall, räumen wir auch Berichten über die dunklen Seiten der DDR-Vergangenheit viel Raum ein. Aber auch Berichten über den Mut vieler Ostdeutscher, mit dem intoleranten, verlogenen und maroden SED-Staat Schluss zu machen. Jeder Westdeutsche, der ermessen will, wie viel Mut erforderlich war, um als Montagsdemonstrant offen seinen Protest zu zeigen, möge sich erinnern, wie sehr sich viele westdeutsche Transitreisende trotz des West-Passes, der sie schützte, schon von einigen aufgeblasenen zackig-unfreundlichen DDR-Grenzern einschüchtern ließen.
Vergessen wir nicht unsere Goldene Henne. Jochen Wolff, seit März 1991 Chefredakteur von SUPERillu, hat sie 1995 aus der Taufe gehoben, um den in und für Ostdeutschland erbrachten Leistungen mehr Aufmerksamkeit und Respekt zu verschaffen. Vor mir liegt die aktuelle SUPERillu, Heft 42/2009. Mit Berichten über die Goldene-Henne-Gala 2009, die wieder einmal alle Erwartungen übertroffen hat.
Was mich selbst, nach so vielen Jahren bei SUPERillu noch immer begeistert? Wo auf der Welt gab es in den letzten 20 Jahren so große und noch dazu so positive Veränderungen wie hier in Ostdeutschland? Könnte es für einen Journalisten einen spannenderen Ort geben. |