| Kuba 2008: Fidel, Frust und Flucht. |
| Geschrieben von: Gerald Praschl | ||||||
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Weil die kubanische Stasi westliche Journalisten entweder gar nicht ins Land lässt oder dort extrem überwacht, reise ich als Tourist. Ich und mein Kollege, der Superillu-Fotograf Nikola Kuzmanic haben nur zwei kleine unauffällige Fotoaparate dabei. Visitenkarten, Presseausweise und mein Adressbuch blieben auch daheim. Nur ein paar Telefonnummern habe ich auf Zettel notiert, und im Gepäck versteckt: von der deutschen Botschaft – für den Fall, dass wir Probleme mit den »Genossen « von der kubanischen »Sicherheit « bekommen. Und von einigen Kontaktleuten, die uns ein paar Tage über die Insel begleiten könnten.
Ich muss vorsichtig sein. Nicht, weil ich selbst Angst vor der kubanischen Stasi hätte. Mein westlicher Pass schützt mich. Mehr als uns ein paar Stunden festhalten, können sie nicht. Oder mich des Landes verweisen, wie das im Jahr 2005 dem sächsischen CDU-Politiker Arnold Vaatz passiert ist, als der sich mit kubanischen Oppositionellen treffen wollte. Aber meine Gesprächspartner und Dolmetscher auf Kuba sind durch mich in Gefahr: Zusammenarbeit mit ausländischen Journalisten ist dort eine schwere Straftat. Nicht wenige Kubaner, deren einziges »Vergehen « es war, Berichte für ausländische Medien über die Zustände auf Kuba zu liefern, sitzen im Gefängnis.
Die letzte Verhaftungswelle lief im Jahr 2003. Damals ließ Castro 75 friedliche Oppositionelle zu bis zu 28 Jahren Gefängnis verurteilen. 58 davon sitzen noch. Um das Risiko so klein wie möglich zu halten, habe ich den meisten meiner Gesprächspartner auf Kuba gar nicht erzählt, wer ich bin. Außerdem habe ich in dieser Reportage einige Vornamen und Ortsnamen verändert, um die Menschen zu schützen. Anders als Erich Honecker, der sich aus Furcht vor Sanktionen aus dem Westen, von dem er spätestens seit Anfang der 80er Jahre zunehmend wirtschaftlich abhängig war, scheute, DDR-Regimegegner wie BärbelBohley oder Robert Havemann längere Zeit einzusperren, verfolgt Fidel Castro seine Gegner gnadenlos. „Er hat die Ereignisse während der friedlichen Revolution 1989 genau studiert. Und weiß, wie gefährlich für ein System der Lüge Bürgerrechtler werden können, die offen aussprechen, was schiefläuft“, sagt der kubanische Oppositionelle Boris Santa Coloma, der seit 1991 im Exil lebt und den ich kurz vor meinem Abflug in Berlin treffe. Santa Coloma kennt das Regime auch vom Schreibtisch der Macht aus. Von Ende der 70er Jahre bis 1990 war er Presseattache der kubanischen Botschaft in der DDR. Sein gleichnamiger Vater fiel beim Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba 1953, Castros erstem, gescheiterten Putschversuch gegen die Batista-Diktatur. Und wird in Kuba bis heute als Held verehrt. Coloma berichtet, dass Castro von seiner Ost-Berliner Botschaft damals detaillierte Berichte über den genauen Verlauf der friedlichen Revolution in der DDR anforderte. „Er hat daraus gelernt. Auf Kerzen und Gebete ist er vorbereitet“, ist sich Santa Coloma sicher. „Das war einer der Gründe, wieso er an der Macht blieb, als der Sowjetkommunismus stürzte.“
Nicht Kerzen und Gebete, aber Blumen und Gebete sind die Ausdrucksformen der kubanischen Oppositionsgruppe „Damas de Blanco“, der „Damen in Weiß“. Es sind die Frauen der inhaftierten Regimegegner. Jeden Sonntag treffen sie sich zur Messe in der katholischen Kirche Santa Rita im Diplomatenviertel von Havanna, Miramar. Die Kirche liegt direkt an der Quinta Avenida, einer Allee gesäumt von Botschafts-Villen. Bis zu seinem Rücktritt im Februar 2008 der tägliche Arbeitsweg von Fidel Castro auf der Fahrt von seinem prächtigen Anwesen im Vorort Siboney zu seinem Amtsitz am Platz der Revolution. Die Protokollstrecke. Am zweiten Tag nach meiner Ankunft bin ich in der Kirche Santa Rita zum Sonntagsgottesdienst. Die Damen sind unschwer zu erkennen. Rund 20 Frauen, mutterseelenallein ganz vorne, in einer der ersten Reihen vor dem Altar. Vor dem Gottesdienst beten sie gemeinsam einen Rosenkranz für die „Presos“, für die Inhaftierten. Eine Szene, die an die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche 1989 erinnert. Vor den Damen sitzt niemand, und hinter ihnen sind gleich ungefähr zehn Sitzreihen frei. Die etwa 500 anderen Gottesdienstbesucher halten „Sicherheitsabstand“. Und es ist auch klar: Unten den 500 Frommen ist nicht nur die eine oder andere Botschafter-Gattin, sondern auch sicher nicht wenige Stasi-Spitzel. Ich und mein Kollege Nikola nehmen zwei Reihen hinter den Damen Platz,gewissermaßen im „Niemandsland“. Einige der Damen drehen sich irritiert um. Ich nehme an, dass ich mit meinen ortsuntypisch blonden Haaren in ihren Augen sofort über jeden Stasi-Verdacht erhaben war. Als wir lächeln, lächeln eine der Damen zurück. Wir haben uns verstanden.
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