| Roland Jahn: Wie der Widerstand gegen die SED-Diktatur ins Westfernsehen kam |
| Geschrieben von: Gerald Praschl | ||||
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Ein Bündel im InterzonenzugDer bundesdeutsche Grenzer in Ludwigsstadt staunt nicht schlecht über das, was er an einem heißen Sommertag 1983 im Gepäckwagen des Interzonenzuges findet, der gerade über die DDR-Grenze gen Westen gerollt war. Ein Bündel Mensch, gefesselt und geknebelt, mit Handschellen an einer Waggontür fest gekettet. Der junge Mann, der die DDR auf diese außergewöhnliche Weise gerade gegen seinen Willen verlassen hat, heißt Roland Jahn. 30 Jahre alt, Student aus Jena. Die Offiziere der DDR-Staatssicherheit, die ihn kurz vorher in den Zug geschleppt und so aus dem Arbeiterparadies "entsorgt" haben, sind an diesem Tag sehr erleichtert. Jahn und ein Dutzend seiner Freunde, organisiert in einer Untergrund-Gruppe namens "Friedensgemeinschaft Jena", haben ihnen in den Jahren zuvor viele Sonderschichten und viel Ärger bereitet. Einmal nahmen sie Jahn fest, nachdem er an bei einer Maiparade mit schriller Oberlippen-Zier erschienen war: links ein Stalin-Schnauzer, rechts ein Hitlerbärtchen. Jahn und seine Freunde kommen sich dabei gar nicht staatsfeindlich vor. Sie diskutieren linke Ideologien, träumen davon, den Sozialismus zum Positiven zu verändern, nicht, ihn zu stürzen.
Das Versprechen an den "Lächler"Die Geschichte eskaliert, als 1981 ein Freund Jahns, Matthias Domasck (22) in einer Zelle der Stasi zu Tode kam, erhängt an einem Heizungsrohr. Mord oder Selbstmord? Domaschks Beerdigung wird zum Fanal. Jahn und seine Freund plakatieren die Todesanzeige nächtens in der ganzen Stadt, auf Laternenpfählen, Telefonhäuschen, als stille Anklage. Fast alle Mitglieder der "Friedensgemeinschaft" werden daraufhin verhaftet. "Rädelsführer" Jahn sitzt monatelang in U-Haft. Fast täglich wird er von MfS-Major Michael Seidel, genannt der "Lächler", verhört. Jahn verweigert jede Aussage. Der "Lächler" schimpft: "Du bist wie Gift!" Jahn kontert: "Eines Tages werde ich deinen Kindern erzählen, was du hier getrieben hast." Nach Protesten von Amnesty International kommt er wieder auf freien Fuß. Doch er lässt nicht locker, plant gleich die nächste Aktion. Die Stasi lockt ihn deshalb in eine Falle. Verhaftet ihn und steckt ihn gefesselt und geknebelt in den Interzonenzug.
Mit Druckmaschinen und TV-Kameras gegen die SEDIm Westen wird Jahn zunächst wie ein Held empfangen. Im SPIEGEL darf er seine Geschichte erzählen, Titel "Du bist wie Gift.". Jahn will zunächst illegal in die DDR zurückzukehren. Doch erst Anfang 1985, nach vielen vergeblichen Einreiseversuchen, gelingt ihm die Einreise. Tagelang fährt er verdeckt durch die DDR, trifft Freunde aus der Opposition. Seine Freunde überzeugen ihn, nach West-Berlin zurückzukehren. Dort könne er mehr für sie tun. Jahn stellt sich der Stasi, wird sofort abgeschoben. Zurück im Westen, legt er los. Binnen kurzer Zeit organisiert er in West-Berlin einen regelrechten privaten Nachrichtendienst. Jahn und andere abgeschobene Oppositionelle, u.a. sein bester Freund, der Schriftsteller Jürgen Fuchs, schmuggeln Geld, Druckmaschinen, Papier, Flugblätter, verbotene Bücher und Zeitschriften in die DDR. Als Kuriere fungieren Studenten oder Diplomaten. Die Gruppe Jahn besorgt TV-Kameras, lässt drei junge DDR-Oppositionelle als Kameraleute ausbilden, Sie fahren bald zu verdeckten Reportagen durch den Osten. Filmen die Umweltzerstörung im Braunkohletagebau, verfallene DDR-Städte, die Unterdrückung der Opposition. Die Aufnahmen werden von Jahns Leuten in den Westen gebracht, dort in der ARD-Tagesschau und großen TV-Magazinen gesendet.
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