Die Schlacht um Stalingrad 1942/43. Zeitzeugen berichten

Funker Rolf Keller aus Dresden: "Ich flog jeden Tag in die Hölle"
Auf dem alten Foto steht der Funker Rolf Keller stolz neben dem Leitwerk einer Focke-Wulf FW 200. Dem Flugzeug, in dem er als Soldat den ganzen Krieg über eingesetzt war.Wenn Rolf Keller (82) das Foto heute sieht, dann ist von Stolz keine Spur. „Es war eine furchtbare Zeit, ich bin froh, dass ich das überlebt habe.“
Der Auftrag Luftbrücke. An Bord der Focke-Wulf sah Rolf Keller das Grauen. Mehr als 30 Mal flog er mit einem weiteren Funker und zwei Piloten im Januar 1943,vor genau 60 Jahren,mit der Maschine in den Kessel von Stalingrad. Ihr Auftrag: den in der Stadt von den Sowjets belagerten deutschen Truppen Nachschub zu bringen. Keller und seine Kameraden waren eigentlich seit Kriegsanfang in Norwegen stationiert. Von dort aus flogen sie mit ihren Focke-Wulf-Maschinen Langstrecken über den Atlantik, als Aufklärer, gelegentlich griffen sie feindliche Schiffe an. Die Focke- Wulf galt damals als Wunder der Technik. 20 Stunden konnte sie in der Luft bleiben. Nun sollten Keller und seine Kameraden an die Ostfront. Und dort helfen,die 260000 in Stalingrad eingekesselten deutschen Soldaten aus der Luft zu versorgen.
Die Verdammten von Stalingrad. Bereits seit 22.November wurde die 6.Armee der deutschen Wehrmacht unter General Friedrich Paulus von der Roten Armee belagert. Täglich wurde die Situation aussichtsloser. Doch statt einen Versuch zu wagen, auszubrechen und sich zu retten, mussten Paulus und seine Männer auf Befehl Hitlers aushalten. »Reichsluftfahrtminister« Hermann Göring hatte ihnen dafür versprochen, sie mit täglich 600 Tonnen Lebensmitteln aus der Luft zu versorgen. Völlig unrealistisch, wie sich bald herausstellte.Die Flieger schafften kaum mehr als 100 Tonnen am Tag.
Der Tod im Kessel. Im Kessel begann das große Sterben. Hunger und Seuchen breiteten sich aus. Als letzte Hoffnung wurde Kellers Einheit mit 18 Flugzeugen aus Norwegen Richtung Osten versetzt. Vom 9. Januar 1943 an flogen sie in den Todeskessel, der sich immer enger zog. Sie brachten 36 Tonnen Versorgungsgut hinein. Und holten 156 Verwundete heraus. Es waren die letzten Wochen der Tragödie von Stalingrad. Inzwischen starben im Kessel täglich 1000 Mann.Die meisten nicht durch tödliche Kugeln,sondern durch Hunger. 40000 Verwundete konnten nicht mehr versorgt werden, erduldeten in Kellern ihre wahnsinnigen Schmerzen.
Das Grauen auf dem Rollfeld. Auf dem Rollfeld in Pitomnik, wo Kellers Flugzeug landete, spielten sich apokalyptische Szenen ab. In den Gräben entlang des Rollfelds lagen zahllose Verwundete, die noch auf einen Platz in einem der Flugzeuge und damit auf Rettung hofften. Keller: »Nur Schwerstverletzte und Spezialisten erhielten noch die Genehmigung, den Kessel zu verlassen. Alle anderen waren dem Tod geweiht.« Auch Kellers Einheit zahlte beim Einsatz in Stalingrad einen furchtbaren Blutzoll. Binnen weniger Wochen wurde die Hälfte der 18 Focke- Wulf-Maschinen abgeschossen. Die Besatzungen kamen ums Leben. Kellers eigenes Flugzeug wurde am 29. Januar 1943 bei einem Bombenangriff am Boden schwer beschädigt. Den letzten, völlig sinnlosen Einsatzbefehl bekam Kellers Einheit am 31. Januar, dem Tag, an dem General Paulus in Gefangenschaft ging. Noch einmal sollte eine Focke-Wulf über dem Stadtzentrum Lebensmittel und Munition abwerfen.Kellers Kameraden kamen nicht zurück.Sie wurden abgeschossen.
Das Leben nach dem Horror. Rolf Keller überlebte die Schlacht von Stalingrad. 1945 geriet er in Frankreich in Kriegsgefangenschaft.Er war 25 und hatte noch nichts anderes gesehen als Trümmer,Tod und Verderben. Sechs Jahre als Soldat im Krieg.Rolf Keller: »Ich beneide die jungen Leute, die heute so unbeschwert ihre Jugend genießen können. Ich war in dieser Zeit in der Hölle des Krieges.« Auch in der Hölle von Stalingrad.
Text: Gerald Praschl
Die Schlacht bei Stalingrad: Infos und weitere Zeitzeugen.

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