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Russlands Archiv erzählt die Geschichte der deutsche Kriegsvermissten

AKT DER VERSÖHNUNG Russland öffnete die Akten von über 1,3 Millionen in der UdSSR verschollenen deutschen Soldaten und Zivilisten

 

Text: Gerald Praschl

Die letzte Nachricht von seinem Vater Friedrich bekam Horst Jurczok (69),als er 13 Jahre alt war: eine Postkarte vom 1. April 1946. Der in der Sowjetunion internierte Wehrmachts-Soldat Friedrich Jurczok schrieb darin an seine Frau Else und seine Kinder Horst und Hanna in Drebkau bei Cottbus: "Mir geht es gut. In der Hoffnung auf baldige Heimkehr Euer Vater."

 

Ein typisches deutsches Schicksal. Insgesamt 3,3 Millionen deutsche Soldaten und Hunderttausende Zivilisten wurden nach 1945 als Gefangene in die Sowjetunion deportiert. Etwa 1,3 Millionen kehrten nicht zurück. Sie starben an Hunger, Erschöpfung und Krankheiten. Zuständig für die Aufklärung ihres Schicksals war in beiden Teilen Deutschlands der Suchdienst des Roten Kreuzes. Auf Wunsch von Angehörigen stellte der Suchdienst Anfrage bei den Sowjet-Behörden. In der Regel kam eine Meldung über Todestag und Todesort. Mehr nicht.

 

Die Suche. So erging es auch Familie Jurczok. Nachdem Mutter Else 14 Jahre lang vergeblich auf die Heimkehr ihres Mannes gewartet hatte, bekam sie 1960 die lapidare Auskunft, Friedrich Jurczok sei am 8. April 1946 verstorben. Horst Jurczok: "Das Schlimmste war ja die Ungewissheit. Da waren wir schon froh über diese Botschaft." Else Jurczok starb 1989, ohne zu wissen, wie ihr Mann ums Leben kam und wo sein Grab ist. Sohn Horst, der sein Leben in der DDR verbrachte und heute Rentner ist, hörte nun durch Zufall von der neuen Möglichkeit, direkt in Moskau Akteneinsicht zu beantragen (siehe rechts).

 

Die Akte aus Moskau. Jurczok: "Schon nach kurzer Zeit bekam ich Bescheid, dass es dort eine Akte über meinen Vater gibt. Einige Monate später hielt ich eine Kopie in Händen. Als ich begann, darin zu blättern, kamen mir die Tränen." Die Akte erzählt Friedrich Jurczoks tragisches Schicksal. Danach war er am 30. März 1946 mit Unterernährung ins Lazarett des »Lagers 168« bei Minsk eingeliefert worden. Und dort tatsächlich am 8. April 1946 gestorben. Horst Jurczok: "Als er uns am 1. April die Karte schrieb, ahnte er wohl schon, dass er sterben würde."

 

Die Details. Die Akte erzählt aber noch viel mehr. So etwa, dass Jurczokals Dolmetscher eingesetzt war und sich dafür als Prämie ein paar Holzschuhe verdient hatte. Auch sein Soldbuch der Wehrmacht war eingeheftet. Darin der Eintrag seines Kompaniechefs, dass Jurczok am 8.Mai 1945 in Gefangenschaft ging. Neben einem Verhörprotokoll enthält die Akte Fotos und Briefe seiner Familie, die Jurczok bei sich trug. Und sogar die Quittung für seinen Ehering, den man ihm nach seinem Tod abgenommen hatte. Zuletzt ist die genaue Lage des Grabes beschrieben. Horst Jurczok: "Ich bin sehr dankbar, dass ich die Akte bekam. Die Ungewissheit hat ein Ende."

 

So funktioniert der Suchdienst

 

Die Akten. Im Zentralen Militärarchiv der Russischen Föderation lagern Akten zu Millionen einst in der UdSSR internierten Deutschen. Eingeschränkten Zugang hatte bisher nur das Deutsche Rote Kreuz, das seit Kriegsende Millionen von Suchaufträgen bearbeitete. (http://www.drk-suchdienst.org).

 

Der Suchdienst. Militärarchiv-Chef Wladimir Kuzelenkow und Andrej Rumjanzew von der »Liga f. Russ.-Dt. Freundschaft« betreiben seit einigen Jahren einen Suchdienst, der Deutschen die Akteneinsicht erleichtert.

 

Die neue Möglichkeit. Der Antrag direkt beim Suchreferat in Moskau. Antragsformulare auf deutsch und  detaillierte Infos in deutscher Sprache gibt es direkt auf der Web-Seite des Suchreferats Moskau:  www.suchdienst-Moskau.de.  

 

Die Kosten. Der Suchdienst verlangt ca. 30 Euro Antragsgebühr, weitere 200 Euro, wenn eine Akte geliefert wird. 5 bis 10 Euro pro Seite kostet, wenn gewünscht, die deutsche Übersetzung.

 

 






Oben: Der Berliner Rentner Horst Jurczok konnte durch Akteneinsicht in Moskau 2001 das Schicksal seines kriegsvermissten Vaters aufklären (Foto: Yorck Maecke).
2. v. o.: Der sowjetische Totenschein für Friedrich Jurczok, den sein Sohn Horst jetzt in den Moskau- Akten fand.
3. v. o.: Das letzte Foto zeigt Soldat Jurczok 1942 am Bahnsteit mit Ehefrau Else und Sohn Horst. Unten: Der Moskauer Militärarchiv-Chef Wladimir Kuzelenkow und der Chef des Suchdienstes, Andrej Rumjanzew zu Besuch am sowjetischen Ehrenmal in Berlin (Foto: Nikola Kuzmanic).


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