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Der Fall Axel Springer: Wer war der Mann hinter "Bild"?




Verleger Axel Springer,
Verlagshaus in Berlin

Den "Brandenburger Thor" schimpften ihn seine Gegner. Und davon hatte er nicht wenig. Man warf ihm die Scheiben ein, zündete seine Verlagsautos an. Die linksextreme Terrortruppe RAF verfolgte ihn mit Morddrohungen. Und es gab noch einen skrupellosen Feind im Verborgenen: das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

 

Text: Gerald Praschl ( erschienen 2002 in SUPERillu), Fotos: Pressestelle Axel Springer Verlag

 

Axel Springer war nicht nur ein großer deutscher Verleger, er kämpfte auch für die deutsche Einheit und gegen das SED-Unrecht. Mit üblen Methoden versuchten ihn Honecker, Mielke & Co mundtot zu machen. Jeden Morgen, auf seinem Weg ins Büro, konnte Erich Honecker es sehen: Das Hochhaus des Verlegers Axel Springer jenseits der Berliner Mauer, im freien Westen der Stadt. Der monumentale Bau, nur wenige Meter vom Todesstreifen entfernt, überragte jahrzehntelang die „Hauptstadt der DDR" auf der anderen Seite und war dem SED-Chef viel mehr als nur ein Dorn im Auge. Bei dem Gedanken, wer von da oben, in einem holzgetäfelten Büro auf ihn hinabblickte, dürfte ihm regelmäßig der Panamahut hochgegangen sein: Axel Springer, der große deutsche Verleger

 

Wer war Axel Springer?

Ein Hamburger Kaufmannssohn, 1912 geboren. Sein Vater war Verleger der kleinen "Altonaer Tageszeitung" , später "Hamburger Neueste Nachrichten“ . Den Nazis gegenüber blieben Springer und seine Familie reserviert. 1941 wurde das Blatt auf Betreiben der NSDAP eingestellt. Der kleine Verlag der Springers brachte seitdem Gedichtbände heraus. Die Allierten im Westen gaben Axel Springer nach 1945 deshalb eine der begehrten Lizenzen zur Herausgabe von Zeitungen.

 

Hörzu und Bild - die Cash-Maschinen

Im Dezember 1946 startete Springers Programmzeitschrift "Hör Zu", bis heute ein beliebter Klassiker am Kiosk. 1952 gründete er die "Bild"-Zeitung nach dem Vorbild englischer Boulevard-Blätter, 1953 kauft der "Die Welt", 1956 erscheint zum ersten Mal seine "Bild am Sonntag". Blätter, die schnell riesige Auflagen erreichen. Kein deutscher Kiosk, an dem bis heute nicht viele seiner Zeitungen zum Verkauf liegen. Sein Flaggschiff "Bild" erreichte zu Spitzenzeiten mit 5 Millionen Auflage mehr als 20 Millionen West-Deutsche. Jeden Dritten in der BRD. Täglich (Heute, 2008; sind es 11,6 Millionen Deutsche). Springer wurde zum milliardenschweren Medien-Tycoon.

 

Springer und die hohe Politik

Soweit eine faszinierende Erfolgsgeschichte. Doch Axel Springer verstand sich nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Staatsmann. Seine Ziele formulierte er 1967 in einer berühmten Rede im Hamburger Übersee-Club: Die Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit, das Eintreten für die soziale Marktwirtschaft, der Kampf gegen jeden Totalitarismus, ob von links oder rechts. So steht es seitdem im Impressum all seiner Zeitungen. Heute klingen diese Ziele wie eine völlige Selbstverständlichkeit im vereinten, demokratischen Deutschland. Damals verschaffte es Springer viele Feinde. Und kostete ihn viel Geld.

 

In seinem Kampf für die deutsche Einheit setzte Springer zunächst auf Verständigung. 1957 flog er auf eigene Faust mit engen Vertrauten nach Moskau. Sein verwegener Plan: Mit dem damaligen Sowjetführer Nikita Chruschtschow über die deutsche Wiedervereinigung zu verhandeln. Doch die Betonköpfe im Kreml fertigten ihn ab wie einen Schuljungen. Wie ernst sie Axel Springer eigentlich hätten nehmen sollen, merkten sie erst zwei Jahre später. 1959, ein deutsches Schicksalsjahr. Chrustschow hatte vom freien Westen ultimativ den Abzug aller alliierten Truppen aus West-Berlin verlangt. Er wollten den "Pfahl im Fleisch des Kommunismus" schlucken. Wenige Tage vor Ablauf des Ultimatums, im Mai 1959, fand direkt an der Sektorengrenze, im West-Berliner Stadtteil Kreuzberg, eine denkwürdige Zeremonie statt. Im Beisein von West-Berlins damaligem Bürgermeister Willy Brandt legte Axel Springer den Grundstein für sein neues 100 Millionen DM teures Verlagshaus. Ein Haus, das zum Leuchtturm des freien Westens im roten Meer des Sowjetreiches werden sollte. Als es 1966 fertig war, stand daneben bereits die Berliner Mauer, die "grauenhafteste Absurdität Europas", wie Springer in seiner Einweihungsrede feststellte.

 

Visionär oder "Brandenburger Thor"?

Von diesem Hochsitz aus hielt Springer die Machthaber im Osten in Atem. Er engagierte eine ganze Truppe von Redakteuren für seinen "Inlandsdienst" ASD, dessen Aufgabe es war, auf allerlei offenen und verborgenen Wegen Informationen aus der DDR zu sammeln und sie in den Springer-Zeitungen zu publizieren. Die DDR schrieb man in seinen Blättern in Anführungszeichen. Einmal ließ er in ganz Deutschland Anstecker vom Brandenburger Tor verteilen. Er forderte damit von der SED: "Macht das Tor auf!". Was ihm unter seinen Gegnern den Spottnamen "Brandenburger Thor" einbrachte. Hilfsorganisationen, die sich für politisch Verfolgte im Osten einsetzten, unterstützte er großzügig. Und vor allem: Seine Blätter schrieben im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Blättern detailliert und ausführlich über die politische Unterdrückung in der DDR, Verbrechen der Staatssicherheit, die verheerende Misswirtschaft der Kommunisten.

 

Im Visier der DDR-Staatssicherheit

Für die Stasi in Ost-Berlin wurde er damit zu einem gefährlichen Gegner. Erst heute ist klar, wie intensiv Honecker, Mielke & Co den Verleger Axel Springer und seine Redakteure verfolgten. Der Berliner Historiker und Gauck-Forscher Hubertus Knabe fand in den Archiven der Stasi die Spuren eines umfangreichen Netzes von Spionen, Spitzeln und Desinformanten der Stasi, die Springer vernichten sollten (Operativer Vorgang "Sumpf"). Alle seine Telefone wurden abgehört, Stasi-Spitzel als Redakteure und Verlagsmitarbeiter in seine Firma eingeschleust. Sämtliche Chefredakteure und fast alle Redakteure wurden von der Stasi ebenfalls mit Spitzeln durchleuchtet, wurden bei Einreise in der DDR wie "Feindagenten" behandelt und schikaniert. Selbst eine von Springers persönlichen Sekretärinnen war eine von der DDR-Staatssicherheit platzierte Agentin. Über Agenten und willige Abnehmer in Redaktionen westdeutscher Konkurrenzblätter streute die Stasi die phantasievollsten Gerüchte über Springer. Er sei ein verkappter Nazi, er sei geisteskrank, sein Startkapital stamme aus SS-Kassen und ähnliche unzutreffende Desinformationen.

 

Springer und die "68er"

Bei Springers Gegnern im Westen, vor allem der linken Bewegung der Studenten 1968, fielen diese Kampagnen der Stasi auf fruchtbaren Boden. 1968. Eine Zeit, in der Westdeutschland am Rande des Bürgerkriegs lebte. Auf der einen Seite junge Studenten, die sich gegen die ihrer Meinung nach immer noch von alten Nazis dominierte BRD-Gesellschaft auflehnten. Auf der anderen Seite schockierte Bürger des Wirtschaftswunders, die entsetzt beobachten, wie fanatische Studentendemos mit roten Fahnen durch westdeutsche Großstädte zogen und sich auf dubiose Vorbilder wie den albanischen Steinzeitkommunisten Enver Hodscha oder den nordvietnamesischen Diktator Ho Chi Minh beriefen. Die Akteure dieser Studentenproteste störten sich daran, dass Springer in seinen Zeitungen in ihren Augen Stimmung für das vermeintliche "Großkapital" machte. Daneben glaubten sich auch zu erkennten, das er im gleichen Zuge alte Nazis beschäftigte und es mag sich auch gestört haben, das er als einziger deutscher Verleger überhaupt alle seine Redakteure darauf einschwor, als Wiedergutmachung für die furchtbaren Massenmorde der deutschen Nazis an den Juden unbedingte Solidarität mit dem Judenstaat Israel  zu zeigen. Evententuell auch, dass seine Blätter für den westdeutsche Blätterwald insgesamt sehr hart mit den Verbrechen der Kommunisten im Osten umgingen. Das machte ihn bald zum Feind Nummer eins der "68er". Der Eloquenten, wie der Militanten und der Terroristischen. Auf seine Verlagsgebäude und Privathäuser wurden Anschläge verübt, die Auslieferung seiner Zeitungen mit Straßenschlachten verhindert. Wieviel davon war das Machwerk der Stasi?

Klar: Die "Studentenbewegung" der 68er war auf Grund ihrer anarchistischen Anlage sicher kaum vom Ostblock steuerbar. Aber sicher stark infiltrierbar. Und viele vielen auf die staatlich organisierte Desinformation aus Moskau und Ost-Berlin herein. Der Historiker Hubertus Knabe enthüllte nach langjährigen Forschungen in Akten der DDR-Staatssicherheit, dass nicht wenige der  Wortführer "68er"- Studentenbewegung Agenten der Stasi waren - wie etwa Peter Heilmann (IM „Adrian Pepperkorn“), später lange Jahre Chef der angesehenen „Evangelischen Akademie“ in West-Berlin oder der spätere "Spiegel"-Journalist Dietrich Staritz (IM „Erich“). Viel schwerer noch als der Einfluss dieser Stasi-Agenten dürfte gewogen haben, dass das totalitäre DDR-Regime auch finanziell der "Bewegung" im Westen unter die Arme griff. Mit Millionen Westmark für die DKP und andere "K-Gruppen" oder vermeintlichen "Friedens-Aktivisten", die sich unter die ehrlich wegen der Atomkriegsgefahr besorgten Bürger im Westen mischten.

 

Axel Springer - Buhmann oder politisch Verfolgter?

Der Krieg der westdeutschen "68er" Bewegung, ihrer gewalt- und morderbereiten Abspaltung, der RAF und der ostdeutschen Staatssicherheit gegen seine Firma und vor allem ihn selbst kostete Axel Springer nicht nur ein Vermögen. Er lebte seitdem wie ein Verfolgter, immer in Begleitung von Bodyguards, geschützt auch von Polizisten und westlichen Geheimdiensten. Selbst seinen eigenen vier Wänden traute er kaum noch. Vertrauliche Gespräche führte er am liebsten bei Spaziergängen im Freien. Wie viele andere westdeutsche Prominente, die vom Terror der RAF unmittelbar bedroht waren, wurde Axel Springer in dieser Zeit zum Verfolgten im eigenen Land.

 

Springer Vermächtnis

Seinen Triumph über das SED-Unrechtsregime und auch das Ende der RAF durfte er nicht mehr erleben. Er starb am 22. September 1985, vier Jahre vor dem Mauerfall. „Mit dem Ende der DDR verstummte wie von Geisterhand auch die massive Kritik am Springer-Konzern“, stellt Historiker Hubertus Knabe heute fest. Axel Springers Hochhaus am einstigen Todesstreifen zwischen Ost und West liegt wieder im Herzen Berlins, der Hauptstadt des vereinten Deutschland. Der „Brandenburger Thor“ hat recht behalten.

 

 

 


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