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Die stillen Helden der Montagsdemos 1989






Die ersten TV-Bilder der Montagsdemos 1989, aufgenommen von Schefke und Radomski (links). Die beiden Helden heute (Mitte) und damals (rechts): Schefke ist TV-Reporter beim MDR, Radomski beim Theater. Mit ihrem Uralt-Trabi (unten) zogen sie auf geheimen TV-Touren durch die DDR.

Ihre Namen stehen nicht im Geschichtsbuch. Aber ohne sie hätte es die Wende in der DDR 1989 vielleicht nicht gegeben

 

Fotos: Schefke/Radomski, Nikola Kuzmanic. Text: Gerald Praschl

 

Ganz Deutschland starrt gebannt auf die Bilder, die die ARD- Tagesthemen am 10.Oktober 1989 ausstrahlen: 70 000 Demonstranten auf dem Marsch durch Leipzig, und ihr Sprechchor, der die Stadt erbeben lässt: "Wir sind das Volk". Aufnahmen von der Leipziger Montagsdemo einen Tag zuvor. Erstmals können DDR-Bürger via West-Fernsehen sehen, was ihnen die SED Führung verheimlicht. Dass der Widerstand gegen die Diktatur zu einer Massenbewegung geworden ist. Ermuntert dadurch gehen nun Menschen im ganzen Land auf die Straße - das Signal zum Sturz des SED-Regimes. Wer die Aufnahmen gemacht hat, verrät Tagesthemen-Moderator Hans-Joachim Friedrichs nicht. Er spricht von einem "italienischen Kamerateam", das sich nach Leipzig geschmuggelt habe.

 

West-Korrespondenten ist es damals schon seit Wochen verboten, nach Leipzig zu reisen. Stunden vor der schicksalhaften Montagsdemo in Leipzig müssen die meisten der West-Journalisten, die noch in Ost-Berlin ausharren, auf Druck der SED ausreisen. Die Stasi jagt sie wie Feind-Agenten. Friedrichs will nur die wahren Urheber schützen und die Stasi auf eine falsche Fährte lenken. Denn die Bilder stammen von zwei jungen DDR-Bürgern: Aram Radomski und Siegbert Schefke aus Berlin-Prenzlauer Berg.

 

Die zwei 28-jährigen Oppositionellen drehen seit 1987 unter hohem Risiko geheime Filme über die dunklen Seiten des SED-Staates. Erst eine Reportage über die Umweltzerstörung in Espenhain. Anfang 1989 einen Film über den skandalösen Abriss mittelalterlicher Häuser in Halberstadt. Mit Videokameras, die ihnen der 1983 aus der DDR ausgebürgerte Dissident Roland Jahn besorgt. Er arbeitet- bis heute- in West-Berlin als TV-Reporter für das ARD-Magazin "Kontraste". Im "Zentralen Operativen Vorgang Weinberg" werden Jahn und seine Freunde von der Stasi mit gigantischem Aufwand verfolgt. Brutalster Höhepunkte: Eine Autobombe, die vor dem West-Berliner Wohnhaus von Jahns Freund, dem Schriftsteller Jürgen Fuchs explodiert. In einem von Jahn häufig besuchten West-Berliner Restaurant sind Abhörwanzen installiert. Einflussagenten des MfS versuchen, ihn in West-Berlin dadurch zu diskreditieren, dass sie "Beweise" dafür streuen, er würde die TV- Aktivitäten in der DDR nur deshalb inszenieren, um damit Geld zu verdienen. Kurioser Coup: Ein West-Berliner Stasi-Mitarbeiter platziert auf der Toilette des von Jahn öfter besuchten Lokals "Punkt" in der Kreuzberger Mariannenstraße ein Plakat, dass einen Tausend-Mark-Schein mit Jahns Konterfei und entsprechender Bildunterschrift zeigt.

 

In der DDR akkreditierte Korrespondenten von BRD-Medien schmuggeln die Filme in den Westen. Die Reportagen werden auf ARD gesendet. In Meldungen im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" wird Jahn als "Agent feindlicher Nachrichtendienste" bezeichnet. Alleine der Nachweis auf einen Kontakt zu ihm genügt bald, um in der DDR wegen "Spionage" verurteilt zu werden. Dabei spielen westliche Geheimdienste gar nicht mit. Denn sowohl Jahn als auch seine Freunde in Ost-Berlin hegen tiefe Vorbehalte gegen diese "Kalten Krieger". Sie verstehen sich als Opposition innerhalb der DDR, wehren sich gegen alle Kontaktversuche von "westlicher Seite". Die Stasi wird sehr wohl gewusst haben, dass sie es mit "Einzelkämpfern" zu tun hat. Und genau das macht sie in ihren Augen wahrscheinlich so gefährlich. Es sind eben keine Leute, deren Aktivitäten man mit einem mahnenden Wort bei irgendeinem Botschaftsempfang in Bonn stoppen kann. Bald ist das MfS sehr dicht an ihnen dran. Weder Schefke, Radomski noch Jahn ahnen, dass nicht nur ihre Geschicklichkeit in Sachen Konspiration, sonder vor allem die Angst des SED-Regimes vor "negativer Berichterstattung" im Westen, verbunden mit einer internationalen Isolierung, sie vor möglicherweise tödlichen Konsequenzen schützt.

 

Das MfS hatte es geschafft, einen Spitzel bei ihnen eingezuschmuggeln - Falk Zimmermann, einer von Mielkes Agenten in der Opposition, filmt manchmal sogar selbst. Er sabotiert dabei heimlich die Kamera oder den Schmuggel der Bänder in den Westen. Wenn er Pause hat, gelingen wichtige Aufnahmen. Am 7. Oktober 1989 filmt Aram Radomski die geheime Gründung der sozialdemokratischen Partei der DDR, SDP (später die Ost-SPD) in Schwante bei Berlin. Kurioses Detail: SDP- Mitgründer Ibrahim Böhme, später als Stasi-Agent enttarnt, gibt Radomski noch Tipps, wie er die Bänder verstecken soll, damit die Stasi sie nicht findet. Trotzdem läuft alles glatt. Tags darauf laufen die Bilder in der Tagesschau. Doch viele Drehs gehen auch schief, weil die Stasi durch Zimmermann alias IM "Reinhard Schumann" frühzeitig Wind kriegt.

 


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