Polen: Musterschüler oder Problemkind?

Neue Einkaufszentren, erfolgreiche Unternehmer. Aber auch Menschen, die von weniger als 500 Mark/Monat leben müssen. Besuch im polnischen Swidnica* (60000 EW)
Text: Gerald Praschl, Fotos: Yorck Mäcke
Der Geruch nach Braunkohle ist in Swidnica noch allgegenwärtig. Aber statt Polski Fiat stehen heute VW, Audi und Opel am Straßenrand. Es gibt eine neue Shell-Tankstelle, viele Baugerüste, eine frisch renovierte Altstadt. Noch 1989 bekam man hier Fleisch nur auf Bezugsmarken, zweieinhalb Kilo im Monat. Selbst Milch oder Joghurt waren Mangelware. Nun gibt es 2 nahe Einkaufszentren. Dort sind die Fleisch-Theken 20 Meter lang. Und im Regal stehen dutzende Joghurt-Sorten. Der Zloty ist schon lange kein Spiel-Geld mehr, sondern harte Währung.
Ich besuche Ryszard (59) und Maria Latko (54) (Foto rechts). Er war Schriftsteller, muss heute von nur 400 Zloty (200 DM) Rente leben. Sie arbeitete 29 Jahre lang mit 4 500 Kollegen bei "Pafal", einer Fabrik für Stromzähler. Weil sich kein Investor fand, mussten drei Viertel der Belegschaft gehen. Maria wurde in den Vorruhestand geschickt. Nun bekommt sie bis zur Rente 500 Zloty (250 DM) im Monat Übergangsgeld. Für ihre 2-Zimmer-Wohnung im Plattenbau gehen schon 150 Mark Miete weg. Ryszard: " Wir waren seit Jahren nicht mehr im Restaurant. Unser einziger Luxus sind Theater- Besuche. Mit Busfahrkarte kostet das 30 Zloty." Maria klagt: "Irgendwas muss passieren. So viel Kriminalität, so viel Arbeitslose, so viel soziale Ungerechtigkeit!"Ryszard nimmt es leichter: "Das Leben ist härter, aber interessanter."
Im schicken, neuen Restaurant "Piast" hat mich Roman Pyka (42) (Foto rechts) zum Essen eingeladen. Im alten Polen war er kleiner Angestellter, verdiente als Musiker Gelddazu. 1988 ging er nach Deutschland, arbeitete 2 Jahre "meist schwarz" auf demBau. Mit dem Ersparten gründete er 1990 zu Hause eine Baufirma. Damals renovierteer Wohnungen, baute kleine Kioske. Heute lenkt Pyka ein Bauunternehmen mit 170 Angestellten. Stolz zeigt er die Symbole seines Reichtums: Luxus-Autos, großeMotorräder, eine schmucke Villa. In der Schublade hat er die Pläne für einen großen Ferienpark. Pyka: "Bisher lebten die meisten hier von der Landwirtschaft. Aber immer mehr Bauern machen pleite. Wir werden damit etwas schaffen, mit dem sie Geld verdienen können."
Aus dem Kuhstall in den Freizeitpark? Nicht so einfach, glaubt Andrzej Maciejewski (41) (Foto rechts). Er ist ebenfalls Unternehmer, betreibt in Swidnica eine Majonäse- Fabrik (150 Angestellte). Er beklagt: "Äußerlich hat sich hier schon vieles zum Besseren gewendet. Aber nicht in den Köpfen der Menschen. Sie tun sich schwer, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen." Bedenken hat Maciejewski auch mit dem geplanten EU-Beitritt Polens 2003: "Viele verbinden damit die Erwartung, dass auch die Löhne so werden wie im Westen. Aber wir brauchen die niedrigen Löhne noch viele Jahre. Sonst gehen doch hier die meisten Firmen pleite."
Der Bürgermeister von Swidnica, Adam Markiewicz (56), stimmt ihm zu: "Die Menschen brauchen Zeit, um sich umzustellen. Wir können eben nicht wie in USA leben, aber wie im alten Polen arbeiten." Markiewicz war schon im Kommunismus Stadtoberhaupt. 1990 wurde er geschasst. Und 1995 wiedergewählt, nun als Sozialdemokrat. Jetzt versucht der Ex-Kommunist, Unternehmer anzulocken. Und den Staatsbesitz zu privatisieren. Markiewicz: "Die Menschen beschäftigt nicht so sehr die Vergangenheit, sondern die Probleme der Gegenwart. Über 5 000 Arbeitsplätze in Swidnica gingen verloren. Und die Kriminalität ist um 50 %gestiegen. Das müssen wir lösen."
Die ehemaligen sowjetischen Kasernen, in denen Dariusz (38) und Joanna Karaszewscy (35) mit Sohn Leszek (11) (Foto rechts) wohnen, waren früher Sperrgebiet. Nach dem Abzug der Russen wurden die Gebäude aus der Kaiserzeit 1996 als Wohnungen verkauft. Dariusz: "Unsere 60-m2-Wohnung hat 35 000 Zloty (ca. 18 000 DM) gekostet, die Renovierung noch mal so viel. Mit viel Mühe haben wir das zusammengekratzt." Heute hat die Wohnung Zentralheizung und Einbauküche. Die alten Eichendielen, die erst preußischen und dann sowjetischen Soldatenstiefeln trotzten, glänzen. Dariusz arbeitet als Lehrer, Joanna als Bewährungshelferin. Zusammen verdienen sie 2 400 Zloty im Monat (ca. 1 200 DM). Joanna: "In Deutschland würden wir mit denselben Jobs das Fünffache verdienen. Aber was soll's! Es geht uns gut. Im Supermarkt muss ich nicht so genau auf die Preise gucken. Im Sommer fahren wir an die Ostsee, im Winter in die Berge. Und bald können wir uns sogar ein Auto leisten. In den 80er Jahren war das Leben so aussichtslos. Viele junge Leute haben damals das Land verlassen. Heute gibt es hier wieder viele Chancen und eineZukunft."
*Swidnica (60000 Ew.), das ehemalige Schweidnitz, liegt in Schlesien. Berühmt ist die Schweidnitzer Friedenskirche, ein protestantisches Gotteshaus von 1650. Es gibt Fabriken für Waggonbau, Maschinenbau, Stromzähler. 27 Prozent leben von der Landwirtschaft. 4150 Swidnicer sind arbeitslos. Quote: 10 Prozent. 1500 Haushalte leben von Sozialhilfe - umgerechnet beträgt sie nur 100 bis 250 DM im Monat. 57 % der Erwerbstätigen verdienen weniger als 1000 Zloty (500 DM) im Monat, 36% bis zu 2 000 Zloty (1000 DM) und nur 7 % darüber. 27 % aller Haushalte haben Telefon, 58 % eine Waschmaschine, 10 % einen Geschirrspüler. Und 69 % besitzen ein Auto (Zahlen für Polen). Eine kommunale Wohnung mit 57 m2 kostet warm 226 Zloty/Monat (113 DM). Auf dem freien Markt kostet sie etwa 650 Zloty (325 DM). Stand: Jahr 2000. | |