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|  Von oben nach unten: Stadtansichten von Kecskemet: McDonalds-Restaurant, Jugendstilhaus, Plattenbau. Bauern-Familie, Toth, Lehrerfamilie Suba/Tamasi, Sozialhilfeempfängerin Könyves mit Kindern, Unternehmer Kökeny (Fotos Yorck Maecke)
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| Ungarn: Der Wandel in der Puszta

Report über das Leben, Gewinner und Verlierer, in einem Land im großen Umbruch. Besuch in Kecskemét* in Ungarn
Fotos: Yorck Mäcke/GAFF. Text: Gerald Praschl
Lajos Petö (63) hat einen langen Tag. Ab morgens um fünf steht er mit einer Kiste Kirschen auf dem Markt. Anschließend arbeitet er ganztags als Kfz-Gutachter für eine Versicherung. Eigentlich ist Petö schon seit 1998 in Pension. Aber von den 400 Mark, die er Rente bekommt, kann er nicht leben. So arbeitet er in seinem alten Job weiter, verdient damit 450 Mark netto zusätzlich. Noch mal 100 Mark pro Monat holt er mit dem Verkauf der Kirschen herein. Damit gehört Petö zu den Spitzenverdienern von Kecskemét. Das Geld braucht er, um seine Tochter Krisztina (27), die als Lehrerin nur 30 000 Forint (220 DM) verdient, zu unterstützen. "Meine Rente hatte ich mir anders vorgestellt", klagt Petö, "ich muss wohl arbeiten, bis ich nicht mehr kann."
Wer nicht gleichzeitig mehrere Jobs macht wie Petö, kommt kaum über die Runden. In der Zeit des "Gulaschkommunismus" reichte ein Job. Damals wurden die Produkte der Region - Paprika, Tomaten, Knoblauch - in alle "Bruderländer" exportiert. Das Letscho aus der Kecskeméter Konservenfabrik füllte auch die Auslagen in der DDR. 3 000 Menschen arbeiteten hier. Jeder zweite Bewohner der Region lebte von der Landwirtschaft. 1990 wurde die Fabrik von der US-Firma "Heinz" gekauft und bald geschlossen. Außerdem brachen die Kollektiv-Betriebe der Landwirtschaft zusammen. Ohne Maschinen, oft auch ohne Know-how, betreiben nun tausende Kleinlandwirte Ackerbau wie im Mittelalter.
Wir besuchen Gergely (45) und Irén Tóth (40) (Foto links). Sie bewirtschaften vier Hektar Land, bauen Kartoffeln und Wein an. Irén: "Wir schuften zu zweit von früh morgens bis spät in die Nacht. Und verdienen damit nur 1 000 Mark im Monat. Um unsere Produkte loszuwerden, stehe ich jeden Morgen auf dem Markt." Maschinen können sie sich nicht leisten. Mit bloßen Händen graben sie die Kartoffeln aus. Irén: "Mit einem so kleinen Betrieb haben wir langfristig keine Chance. Und um zu expandieren, fehlt zeichnet ein düsteres Bild: "Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, ein Arbeiter verdient im Monat nur wenige hundert Mark, Rentner bekommen im Schnitt nur 30 000 Forint (220 DM). Das größte Problem liegt aber in den Köpfen. Die meisten haben nicht begriffen, dass der Staat nicht dazu da ist, sich um alles zu kümmern. Dass nicht, wie im so genannten Sozialismus, jeder etwas hat, egal, ob er gut arbeitet oder nicht. Sondern nur der, der etwas leistet." Varga ist aber optimistisch: "Die Alten treten ab, die Jungen werden es besser machen."
Adrienne Suba (32) und ihr Mann László Tamási (36) (Foto links) haben sich seit der Wende viel geschaffen. Ihre 3-Zimmer-Wohnung, die sie für 18 000 DM kaufen konnten, ist abbezahlt. Einmal im Jahr fahren sie sogar in Urlaub. Und das, obwohl Adrienne wegen der Kinder Marcel (3 Monate), Péter (3) und Anna (5) nicht mehr als Lehrerin arbeiten kann. Als "hauptberufliche Mutter" bekommt sie im Monat 530 Mark Erziehungsgeld, für ungarische Verhältnisse ein volles Gehalt. László hat einen sehr guten Job bei der Stadtverwaltung, verdient 600 DM netto. Sie sind zufrieden, sagen: "Im Westen würden wir mit unserer hohen Ausbildung sicher besser leben. Aber unser Platz ist hier."
Der totale Zusammenbruch der kommunistischen Staats-Wirtschaft traf vor allem die Schwächsten. Mária Könyves (31) (Foto links mit ihren Kindern) war einst Arbeiterin in der Geflügelfabrik "Bábolna". Nach der Wende mussten 2 550 der 3 000 Beschäftigten gehen, sie wurde arbeitslos. Mit ihren Kindern Sándor (13), Ádám (8), György (7), und Gergely (1) teilt sie sich eine winzige 1-Zimmer-Wohnung. Von 450 Mark monatlicher staatlicher Hilfe muss sie Strom, Wasser und Essen selbst bezahlen. Von der Glitzerwelt, die auch in Kecskemét Einzug hielt - Supermärkte, schicke Boutiquen und Restaurants - kann sie nur träumen. Einmal war sie im Kino, kann sie sich noch erinnern.
Ferenc Kökény (46) (Foto links) ist einer der reichsten Männer von Kecskemét. Vor 20 Jahren eröffnete er den ersten Laden, wo er Feuerzeuge auffüllte. Heute besitzt er 12 Elektromärkte, hat 300 Angestellte. Kökény: "Die Leute hier halten Menschen wie mich für Gangster. Dabei habe ich nur hart gearbeitet. Ich war in den USA und in Japan, habe mir angeguckt, wie die das machen. Und war hier damit erfolgreich. Natürlich ist es ein großes Problem, dass wir hier nur ein paar Reiche haben und der große Rest lebt wie Bettler. Wir sind in der Entwicklung 30 Jahre hinter Deutschland. Die Löhne müssen noch sehr lange niedrig sein. Da nützt kein Jammern, sondern nur Arbeiten."
* Kecskemét (105 000 Ew.), größte Stadt in Südostungarn. Die Menschen leben u. a. von Landwirtschaft (12 %), Maschinenbau (30 %).Die Arbeitslosenquote beträgt 5,3 Prozent. 2 380 Bürger leben von Sozialhilfe. Sie beträgt für Alleinstehende 86 bis 98 DM im Monat 80 Prozent aller Haushalte haben ein Bad, 90 Prozent eine Waschmaschine, 6 Prozent einen Computer. Und 36 Prozent besitzen ein Auto (Zahlen für Ungarn) . Der Durchschnittslohn eines Arbeitnehmers beträgt 53 000 Forint/Monat netto (390 DM), in der Landwirtschaft 290 DM (Zahlen für Ungarn). Eine 60-m2-Wohnung im unsanierten Plattenbau kostet ca. 20 000 Forint (150 DM) kalt, eine Sozialwohnung 6 000 Forint/Monat (44 DM). Stand: Jahr 2000. |