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 5. Oktober 2000. Das Ende des Slobodan Milosevic

 

Der Belgrader Fotograf Dragan Tanaskovic war dabei beim Sturz des serbischen Diktators. Sein Augenzeugen-Bericht:

 

 

 

Fotos und Text von Dragan Tanaskovic

 

 

Die letzten Jahre haben wir in Belgrad ein schreckliches Leben geführt. Es war nicht nur der Krieg und die bittere Armut, in die das ganze Land fiel. Ich bin von Beruf Diplom-Ingenieur an der Universität, meine Frau Computer- Spezialistin. Zusammen verdienten wir noch 300 Mark im Monat und hatten damit schon sechsmal mehr wie normale Arbeiter. Der Mangel an Lebensmitteln und Benzin, die Stromausfälle, der Schmutz. Und miese Kriminelle, die alles kontrollierten. Jeden besseren Laden, jede Branche, die sogenannte Politik. Dass Milosevic und seine Leute geschmuggelt, verschoben, geraubt und gemordet haben, dass die Polizei völlig korrupt war und mitgemacht hat, weiß in Serbien jedes Kind.

 

 Das schlimmste aber war, das uns die Zeitungen und das Staatsfernsehen Lügen erzählt haben. Keiner traute sich mehr öffentlich die Wahrheit auszusprechen. Journalisten wurden eingesperrt, einige wurden ermordet oder verschwanden einfach. Schon Fotos auf der Straße zu machen, war gefährlich. Und sogar privat musstest du vorsichtig sein, mit wem du noch offen redest. Das war das rumänische Syndrom. Am Ende war es das Fälschen der Wahlergebnisse durch Milosevic, dass das Fass zum Überlaufen. Obwohl die Helfer der Opposition vor der Wahl wie Kriminelle verfolgt wurden,  alle kritischen Medien längst verboten wurden, und seine Leute  hundertausende von Stimmzetteln gefälscht haben, war schon 2 Tage nach der Wahl klar, das mehr als die Hälfte aller Stimmzettel, die abgegeben  wurden, für die Opposition ausgefüllt waren. Aber er wollte das nicht  anerkennen.

 

Die Opposition rief einen Generalstreik aus. Die ersten, die  mitmachten waren die Theater, Kinos, Unis, Museen und Schulen. Dann die Bergleute. Milosevic reagierte wie üblich. Er drohte mit Gewalt. Dann legte der Strom und Müllabfuhr lahm, obwohl dort gar nicht gestreikt  wurde. Als Begründung stand in seinen Zeitungen, die Opposition und "westliche Agenten" wollten damit das serbische Volk schikanieren. Letzte Woche noch sah es so aus, als käme ein Bürgerkrieg. Ich fuhr mit meinen kleinen Jugo in die Innenstadt. Kein Auto auf der Straße, keine Menschen. Alle erwarteten die Panzer von Milosevic, mit denen er schon einmal hier aufgefahren war. Man spürte das Grauen und die Angst.

 

 

Der Tag der Entscheidung. Donnerstag, der 5. Oktober 2000. Der Morgen war ruhig, wie vor dem Sturm. Erst langsam wurde die Masse der Menschen auf den Straßen immer größer. Ich ging auf den großen Platz vor dem Parlament, der Skupstina. Dort standen schon bald viele Tausende. Bis in Nacht wurden es 800 000 Menschen, sie kamen aus ganz Serbien. Viele waren schon auf ihrem Weg mit Gewalt durch die Sperren der Miliz gebrochen, erfuhr ich. Eine große Gruppe aus der Stadt Cacak in Süd-Serbien zum Beispiel. Sie hatten auf dem langen Weg sogar einen Bulldozer mitgenommen, der dann später noch eine große Rolle spielte. (Foto links: Demonstranten am 5. Okt. 2000 vor dem Parlamentsgebäude in Belgrad. Zweite Reihe, zweiter von links: Reporter Dragan Tanaskovic).

 

 

 

 

 

Viele ahnten, dass es diesmal um die  Entscheidung ging. Sie waren bereit, zurückzuschlagen. Einige hatten Baseballschläger dabei, andere Gasmasken und Taucherbrillen gegen Tränengas. "Wir wollen keine Schafe mehr sein", sagte jemand. Auf den Stufen des Parlaments ging es los. Es fing an mit einem fürchterlichen Krach und Pfiffen. Die Masse der Menschen kam in Bewegung. Die ersten durchbrachen die Absperrung der Miliz. Die Polizisten fingen an, auf die Leute einzuprügeln, Tränengas zu werfen und in die Luft zu schießen. Aber weil es so viele Menschen waren, gaben sie schnell auf. Dann gab es die ersten Verwundeten. Ein junger Mann von der Fernsehstation aus Pancevo, dem eine Tränengasgranate den Arm zerschmetterte. Auch viele, die von Gummigeschossen getroffen wurden, schrien vor Schmerz. Wir weinten von dem Tränengas. Schüsse fielen. Die mutigsten, zu denen ich ganz bestimmt nicht gehöre, drangen in das Gebäude ein. Einige müssen auch Molotow-Cocktails dabeigehabt haben. Sie drohten den Polizisten: Entweder ihr gebt auf, oder ihr verbrennt.

 

Die ersten Sachen flogen durch die Fenster nach draussen. Plötzlich fing es an zu qualmen. Nebenan wollten Demonstranten das Gebäude des Serbischen Fernsehen RTS, stürmen die "Festung der Lügen" von Milosevic. Schwerbewaffnete Polizisten hatten sich dort drinnen verschanzt.(Foto links: Ein brennendes Auto der Polizei, 5. Okt. 2000) Sie schossen auch auf die Demonstranten. Fünf oder sechs Leute wurden von Kugeln getroffen. Ein junger Mann wurde in den Bauch getroffen und wäre sicher verblutet, wenn nicht ein paar Chirurgen da gewesen wären, die ihm sofort erste Hilfe leisteten. Eine junge Frau, die auf der Flucht unter einen LKW kam, starb. Während die Schlacht tobte, lief auf dem Staatsfernsehen und im Radio im ganzen Land das Programm weiter. Nur Musik, Werbung und belanglose Sport-Berichterstattung. Am Schluß die Aufzeichnung eines klassischen Konzerts. Bis die Leute aus Cacak mit ihrem Bagger kamen.

 

Geschützt von der Baggerschaufel fuhren sie mitten in das Gebäude rein. Es dauerte nicht lange, und die Polizisten gaben auf. Sie kamen mit erhobenen Händen heraus. Viele wurden schrecklich verprügelt, am schlimmsten Dragoljub Milanovic, der Fernsehdirektor. Andere wurden von Leuten der Opposition ins nahe Parlamentsgebäude in Sicherheit gebracht vor der Wut der Demonstranten. Dann begann das Fernsehgebäude zu brennen. Das Fernsehprogramm fiel gegen 6 Uhr abends komplett aus. Kurz nach 8 Uhr  abends dann war auf dem Kanal ein neues Programm, das "neue serbische Fernsehen". Mit richtigen Nachrichten, der Wahrheit über das, was 

passierte. Dass dieser ganze Umsturz vorher organisiert war, wurde dabei natürlich auch offensichtlich. (Foto links: Jubelnde Demonstranten vor dem Gebäude des Jugoslawischen Parlaments in Belgrad).

 

 

 

Der Fall des Fernsehgebäudes war das Ende des Regimes. Bis Mitternacht hat sich ein großer Teil der Armee und der Miliz auf die Seite der Demonstranten geschlagen. Sie hatten erkannt, dass es sinnlos war, irgendeinem Befehl zu folgen, denn dazu hätten sie gegen jeden auf der Straße kämpfen müssen. Gegen Mitternacht fingen wir an, zu feiern, mit Musik, auf den Plätzen und in der Parks in der Altstadt. Dort, wo bisher nicht einmal daran zu denken war, sich frei zu versammeln. Am nächsten Tag, als ich in das Parlamentsgebäude (Foto links: Serbische Fahnen vor dem brennenden Parlamentsgebäude am 5. Oktober 2000) ging, um zu sehen, was davon übrig blieb. Es war in der Nacht innen völlig zerstört worden. Ein sehr trauriges Bild. Ein Symbol für die Gemeinschaft der Völker Jugoslawiens, deren gemeinsames Parlament hier einmal war und die schon sehr lange tot ist. Wir fanden dort auch Wahlzettel, die dem Stempel nach aus dem Kosovo stammten. Auf allen war der Name Slobodan Milosevic angekreuzt und alle wurden auf dieselbe Art mit demselben Bleistift ausgefüllt. Zum ersten Mal konnte ich mit eigenen Augen die Beweise der Wahlfälschung sehen.

 

Ich habe auch ein Exemplar der Tageszeitung Borba vorgefunden, das Organ der ehemaligen kommunistischen Partei. Ich hoffe,  dass die Menschen, die dort im Parlament arbeiteten, und diese Zeitung lasen, künftig nicht mehr hier arbeiten werden. Denn ich denke nicht, dass sie sich noch ändern können, nach so vielen Ausgaben der Borba, die sie gelesen haben  Ich bin gespannt, ob künftig mehr Wahren darin stehtWas geschieht jetzt mit Milosevic? Sein Sohn Marko, dessen Luxus-Ladenkette geplündert worden ist, ist schon nach Russland abgehauen, aber er selber nicht. Er ist noch in seinem Haus im Belgrader Nobel-Viertel Dedinje. Der neue Präsident Kostunica hat ihm versprochen, dass er nicht nach Den Haag muss. Vielleicht wäre es auch gar nicht schlecht für die Genesung des Volkes und seiner Psyche, ihn einfach nur in Rente zu schicken.

 

Ob wirklich ein Flugzeug voller Gold Richtung China abgehoben ist? Wir wissen es noch nicht. Milosevic hat gesagt, er will sich jetzt gerne ausruhen. Das kann er auch in Den Haag im Gefängnis tun. Wenn Europa uns akzeptiert, wie auch immer, dann wird dieses Volks wach werden von dem kommunistischen Virus, das ihn schon seit 50 Jahren auffrisst. Und wird werden anfangen, normal zu denken.











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