Der geheimste DDR-Knast

Ost-Berlin, Freienwalder Straße. Von außen ein schlichter Verwaltungsbau. Im Keller wohnte das Grauen. Das "U-Boot", der geheimste Knast der DDR-Staatssicherheit und des sowjetischen NKWD. Heute ist diese furchtbare Gefängnis eine Gedenkstätte und ein Publikumsmagnet für alle, die sich ein zutreffendes Bild über die DDR-Diktatur machen wollen.
Text: Gerald Praschl
Das Haus in der Freienwalder Straße in Berlin-Hohenschönhausen sieht aus wie ein ganz normales Verwaltungsgebäude. Im Flur führt eine unscheinbare Betontreppe in den Keller. Für Dieter Rieke (75, Foto links in seiner ehemaligen Zelle) aus Gardelegen, der als junger Mann 1948 diese Stufen hinunterschritt, war es der Eingang zur Hölle. Er landete in einer der dort unten versteckten etwa 100 Zellen, in denen nach Kriegsende erst die Folterknechte des sowjetischen Innenministeriums NKWD und bis Anfang der 60er Jahre die DDR-Staatssicherheit Regimegegner einsperrten. Dieter Rieke: "Es war ein Verließ wie im Mittelalter. Die Zelle zwei mal zwei Meter groß, nur von einer schwachen Birne erleuchtet. In der Ecke ein Kübel für die Notdurft. Zweimal am Tag öffnete sich die Zellentür und Wärter brachten Brot und Suppe. Nach 2 Wochen in diesem Kerker wirst du stumpfsinnig." Dieter Rieke überlebte 8 Monate in dem Knast, den die Häftlinge "U-Boot" nannten. Sein Martyrium war damit nicht zu Ende. 1949 wurde er wegen "Spionage" zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein "Verbrechen": Er hatte Kontakte zur SPD in Westberlin, verteilte für sie im Osten Flugblätter.
Dieter Rieke kam in die berüchtigte Haftanstalt Bautzen: "Tausende Häftlinge starben dort an TBC. Wir mussten sie nachts wegbringen und verscharren." Die Leichen der Opfer liegen bis heute dort, wo Häftlinge, auch Rieke, sie damals verscharren mussten: auf dem Bautzener Karnickelberg. Rieke überlebte, wurde am 21.Dezember 1956 entlassen. Er floh in den Westen. Noch heute, als Rentner, plagen ihn Albträume. Rieke: "Nur meine Frau und meine Kinder haben mir den Glauben an das Leben zurückgegeben."
Günter Toepfer (58) war erst 19 Jahre alt, als er 1961 von der Staatssicherheit verhaftet wurde und ebenfalls in das berüchtigte "U-Boot" nach Hohenschönhausen kam. Er wurde erwischt, als er kurz nach dem Mauerbau seine Flucht in den Westen vorbereitete. Ein Freund hatte ihn verraten. Toepfer: "Die Haft war die schlimmste Zeit meines Lebens. Alleine 195 Tage lang saß ich völlig isoliert in einer winzigen Zelle in Einzelhaft, musste 16 Stunden am Tag auf einer Fläche von 1,20 Meter mal 1,50 Meter stehen oder laufen. Jede halbe Stunde kamen Schließer, um zu kontrollieren, dass ich mich auch ja nicht hinsetze. In der Zelle gab es nichts Persönliches. Kein Buch, kein Papier, keinen Bleistift." Selbst die Zahnbürste verwahrten die Schließer. Toepfer: "Sie entschieden morgens nach Lust und Laune, ob ich sie bekam oder nicht. Während meiner einjährigen Haft durfte ich nur fünfmal duschen. Pro Tag gab es gerade mal 2 Blatt Klopapier. In dem Kellerknast war es eiskalt, ich fror sogar im Sommer. Ich bekam die Ruhr, einen Arzt habe ich nie gesehen. Und nachts wurde ich oft verhört. Sie kamen meist eine halbe Stunde nach dem Einschlafen, gegen 21.30 Uhr. Hielten mich bis kurz vor dem Aufstehen um 5 Uhr morgens wach.
Als ich mich über die katastrophalen Zustände beschwerte, bekam ich nur zu hören: Wir sind doch hier nicht im Sanatorium. Wer sich nicht fügte, für den gab es noch härtere Haftbedingungen: Prügel, keine Zahnbürste über Wochen, keine Decke zum Schlafen." Hass auf Egon Krenz, einen der wichtigsten Politiker jenes Regimes, das ihnen so viel Leid brachte, empfinden Günter Toepfer und Dieter Rieke nicht. Aber sie verstehen nicht, wieso er sich heute über seine eigenen Haftbedingungen (Urteil 6 Jahre wegen seiner Mitverantwortung für die Toten an der Mauer) beschwert und sich politisch verfolgt fühlt. Dieter Rieke: "Im Gegensatz zu uns hatte Egon Krenz ein faires Verfahren, einen Rechtsbeistand und nun menschenwürdige Haftbedingungen. Das ist auch richtig so. So wie wir behandelt wurden, wünsche ich es keinem." Günter Toepfer: "Mit dem, was ich erlebt habe, ist die Haft von Egon Krenz nun wirklich nicht zu vergleichen. Freigang, davon konnte ich nur träumen!" Aber Rachegefühle sind auch ihm fremd. Toepfer: "Ich mache heute Führungen durch meinen ehemaligen Knast. Die Originalschlüssel von damals nun einfach so in meiner Hand zu halten, hat mir sehr geholfen, diese schlimme Zeit zu verarbeiten. Das ist mir wichtiger als billige Vergeltung."
Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte, finanziell getragen vom Bund und dem Land Berlin. Schulklassen und interessierte Besucher können bei Führungen mit Zeitzeugen das Gelände besichtigen und sich in Ausstellungen über die Geschichte informieren. Infos und Kontakt unter www.stiftung-hsh.de.
Im Gefängnis Bautzen II ist heute auf Betreiben von Opfer-Verbänden (des "Bautzen-Komitees", der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) und des Bundes der stalinistisch Verfolgten (BSV)) ebenfalls eine Gedenkstätte eingerichtet.
Dieter Rieke ging nach seiner Freilassung in den Westen, ist SPD-Mitglied und war später Pressesprecher der Stadt Rüsselsheim. Günter Toepfer blieb im Osten. Er kandidierte u.a. nach der Wende für die CDU in Berlin-Lichtenberg für den Bundestag. Heute arbeitet er in leitender Stellung beim Bezirksamt Berlin-Lichtenberg.
INFO: DDR-GEFÄNGNISSE-DIE FAKTEN |  |  | 
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|  Fotos mit freundlicher Genehmigung der
Gedenkstätte Hohenschönhausen.
Mehr Infos über die ständige Ausstellung und Führungen durch die Gedenkstätte unter
www.stiftung-hsh.de
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