Die mutigen Frauen der Leipziger Montagsdemos

Zufall? Die erste Leizpiger Montagsdemo im Herbst 1989 wurde von zwei Frauen angeführt. Sie demonstrierten "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Eine Aufnahme von einem Kameramann des ZDF, die deutsche Geschichte schrieb. Und eine geniale Parole. So unterschiedlich die Forderungen und Ziele der Demonstranten im Herbst 1989 waren: Was sie einte, war ihr Streben nach Offenheit und Freiheit. Zentrale Werte, die unsere heutige Gesellschaft, trotz sicher vieler Defizite, von der DDR-Diktatur ganz wesentlich und sehr positiv unterscheiden. Wer waren diese Frauen? Das Buch "Mut - Frauen in der DDR" (siehe rechts), das ich mit den einstigen DDR-Bürgerrechtler(innen) Bärbel Bohley und Rüdiger Rosenthal zusammen geschrieben habe, erzählt die Story von einer davon: Gesine Oltmanns, geboren 1965. Heute hat sie sieben Kinder, lebt immer noch in Leipzig. Sie hat ihre Geschichte lange für sich behalten und ich habe mich sehr gefreut, dass sie sich entschieden hat, sie mir, nach Vermittlung durch das Bürgerkomitee Leipzig e.V., dass auch das berühmte Museum Runde Ecke dort betreibt, zum ersten Mal in dieser Öffentlichkeit im Jahre 2004 zu erzählen. Eine Geschichte, die alle Deutschen kennen sollten. Die Story ist für das Internet unanständig lang, aber lesenswert. Die Überschrift ist die Parole von ihrem Transparent und würde sich mindestens so gut wie "Wir sind das Volk" als Inschrift für das derzeit diskutierte Denkmal für die Friedliche Revolution von 1989 eignen:
Für ein offenes Land mit freien Menschen
Die Fernsehbilder der Demonstranten und ihrer Parole „Wir sind das Volk“ haben sich – neben dem Mauerfall – als wichtigstes Bild der friedlichen Revolution in der DDR in das kollektive Gedächtnis der Deutschen gebrannt. Der Mut der Hunderttausend kommt nicht über Nacht. Er fängt an mit dem Mut von ganz wenigen. Die erste Montagsdemo im Wendeherbst, am 4. September 1989, wird von zwei junge Frauen angeführt. Eine von diesen zwei Frauen ist die Pfarrerstochter Gesine Oltmanns, damals 24 Jahre alt.
Gesine Oltmanns, geboren 1965 in Olbernhau, einem kleinen Städtchen im sächsischen Erzgebirge, wächst mit fünf Geschwistern auf. Ihr Vater ist Pfarrer in Sachsen, wechselt berufsbedingt mehrmals die Pfarrstelle. In den 70er Jahren lebt die Familie in Wechselburg, einer Kleinstadt 50 Kilometer südöstlich von Leipzig. Pfarrerskind zu sein, bringt in der DDR einen besonderen Status mit sich. Gesine Oltmanns erinnert sich: „Auf der einen Seite stand man unter ständiger Beobachtung, auf der anderen Seite bot einem diese Stellung auch einen gewissen Schutz. Während normale Schüler, die sich weigerten, Mitglied der Jungpioniere oder der FDJ zu werden, großem Druck ausgesetzt waren, wurden ich und meine Geschwister erst gar nicht gefragt, ob wir dort Mitglied werden möchten. Das Auftreten und die Uniformierung der Pioniere und der FDJ stießen mich so ab, dass ich zu den gegebenen Anlässen, wenn alle im Blauhemd erscheinen mussten, mit Absicht ein rotes T-Shirt trug, um mich bewusst abzugrenzen. Den Staatsorganen galt es aber ohnehin als Selbstverständlichkeit, dass wir nicht bei den sozialistischen Massenorganisationen waren. Große Gewissenskonflikte musste ich deshalb in meiner Kindheit und frühen Jugend nicht bewältigen und konnte durch provozierendes Auftreten vergleichsweise straflos Grenzen ausreizen. Mir war dieser Sonderstatus aber auch stets unangenehm.“
Der fast schon diplomatische Status der Pfarrersfamilie Oltmanns ist Folge der sich seit Anfang der 60er Jahre in der DDR entwickelnden „friedlichen Koexistenz“ von Staat und evangelischer Kirche. Der SED-Staat räumt der Kirche seitdem zahlreiche Freiräume und Privilegien ein, Reisefreiheit für hohe Kirchenfunktionäre, staatliche Anerkennung für kirchliche Pflege- und Altersheim und, wie im Fall Gesine Oltmanns, auch staatliche Bildungsmöglichkeiten für Kirchenbedienstete. Im Gegenzug bremsen die Kirchenoberen, von denen nicht wenige die SED für ihre „vorbildliche Sozialpolitik“ loben, zunehmend regimekritische Aktivitäten aus den Reihen der Kirche. Eine wichtige Rolle spielt dabei als einer der Verhandlungsführer von Seiten der Kirche der damalige Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Manfred Stolpe. Während Kirchenobere wie Stolpe aufgrund der „friedlichen Koexistenz“ zahlreiche Privilegien genießen, halten die Repressalien gegen „einfache“ Gläubige und besonders gegen oppositionell eingestellte Geistliche an. Außerdem wird die Kirche auch weiterhin durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit unterwandert. Im August 1976 kommt es zu einem spektakulären Protest eines Geistlichen gegen die „friedliche Koexistenz“. Dorfpfarrer Oskar Brüsewitz entrollt auf dem Marktplatz von Zeitz (heute Sachsen-Anhalt) ein Protestplakat („Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen“), übergießt sich mit Benzin und zündet sich selbst an. Vier Tage später stirbt er im Krankenhaus an seinen schweren Verbrennungen.
Trotzdem ist die „Immunität“ der Pfarrerskinder nicht grenzenlos. Das lernt Gesine Oltmanns erstmals im Mai 1978, als ihr älterer Bruder Eckhart in Berlin von der Staatssicherheit verhaftet wird. Grund: Er hatte aus dem Westen eingeschmuggelte „Spiegel“-Heft mit dem „Manifest des Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschlands“ unter Freunden verteilt. Es beginnt eine Zeit höchster Anspannung für die Familie.
In einer bereits im Januar 1978 erschienenen, groß aufgemachten Titelgeschichte („Aufstand in der DDR“) publizierte das westdeutsche Nachrichtenmagazins dieses damals mysteriöse Pamphlet einer angeblichen linken DDR-Untergrundbewegung in der DDR. Inhalt: eine schonungslose Abrechung mit dem Sozialismus, der Miss- und Vetternwirtschaft der Honecker-Clique und die Prognose, dass es mit der Herrschaft der SED in der DDR binnen 10 Jahren zuende gehe. Während der Autor dieser heute als visionär einzustufenden, als „Spiegel-Manifests“ bekannt gewordenen Schrift, der ehemalige hohe SED-Funktionär Hermann von Berg, nach drei Monaten Stasi-Haft 1978 auf westlichen Druck hin wieder entlassen wurde, verfolgte die SED sehr intensiv alle Versuche, das „Manifest“ in der DDR zu verbreiten. Nicht selten wurden das Verbreiten von Kopien oder Originalen des „Spiegel-Heftes“ mit mehrjähriger Haft bestraft. Die SED organisierte als Reaktion auch eine landesweite, kafkaeske Kampagne, die die Massen dazu aufforderte, sich von dem „Manifest“ zu distanzieren – ohne das das „Manifest“ selbst jemals in der DDR publiziert worden wäre.
Obwohl sie weder Mitglied der FDJ ist noch an der „sozialistischen Jugendweihe“ teilnimmt, bekommt Pfarrerstochter Gesine mit Beginn der neunten Klasse problemlos einen der begehrten Abiturplätze an der Erweiterten Oberschule in Rochlitz. An dieser Schule, wegen ihrer „besonderen Verdienste um die sozialistische Erziehung“ im Volksmund „Rotes Kloster“ genannt, gerät sie zum ersten Mal in einen Konflikt mit der Staatsmacht. Als einer der ersten Jahrgänge soll ihre Klasse an dem 1978 eingeführten Wehrkundeunterricht teilnehmen.
1978 wird das Fach Wehrkunde als Pflichtfach an den Schulen für die Klassen 9 und 10 eingeführt. In der 9. Klasse umfasst der Unterricht vier Doppelstunden und eine zwölftägige paramilitärische Wehrausbildung für Jungen in Lagern. Dabei lernen sie, mit Gewehren umzugehen und erhalten eine Nahkampfausbildung. Mädchen müssen einen Lehrgang in Zivilverteidigung belegen. Bei ihnen liegt der Schwerpunkt des Lehrprogramms mehr im Bereich der Sanitäterausbildung, sie werden aber ebenfalls an Waffen unterwiesen. Der DDR-Forscher Bernd Eisenfeld schreibt dazu: „Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die den obligatorischen Wehrkundeunterricht verweigerten, lag gemäß einer 1982 von der Volksbildungsministerin, Margot Honecker, gezogenen Bilanz zwischen 0,08 und 01,4 Prozent. Diese Werte erscheinen relativ niedrig. Sie werden jedoch verständlich, wenn man bedenkt, dass die Betroffenen einem starken staatlichen Druck ausgesetzt waren und in der Regel Benachteiligungen im weiteren Ausbildungs- und Berufsleben hinnehmen mussten.“ (B. Eisenfeld in: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, H-J. Veen (Hrsg.), Propyläen, 2000, S. 259f.)
Gesine Oltmanns: „Da übten gerade mal 15jährige für den Zivilschutz im Atomkrieg. Ich wollte auf keinen Fall daran teilnehmen und schickte, ohne meine Eltern überhaupt zu fragen, einen Brief an den Direktor, in dem ich ihm meine Weigerung mitteilte. Von da an hatte ich es nicht mehr leicht. Es stand auf der Kippe, ob ich von der Schule fliege. Ich hätte das in Kauf genommen. Das Abitur erschien mir nicht so wichtig, mich deswegen derart verbiegen zu lassen. Meine politisch sehr interessierten Eltern akzeptierten meine Motive, genauso wie sie auch in allen Gewissensentscheidungen meines künftigen Lebens hinter mir standen, appellierten aber trotzdem an mich, mir doch nicht die ganze Zukunft zu verstellen, sondern einen Kompromiss zu suchen. Am Ende musste ich zumindest nicht an der Waffenausbildung teilnehmen, sondern nur am Sanitätsdienst-Lehrgang. Ich hatte mich zwar nur teilweise durchgesetzt. Es war für mich aber eine sehr wichtige Erfahrung, zum ersten Mal im Konflikt mit der Staatsmacht meine eigene Position vertreten zu haben. Das stärkte mein Selbstbewusstsein.“
Das Tragen des Aufnähers „Schwerter zu Pflugscharen“ ist für Gesine Oltmanns eine weitere Übung in Zivilcourage. Sie erinnert sich: „Ich hatte mir den Aufnäher zu Beginn der Friedensdekade auf meinen Parka genäht. Am ersten Tag konnte ich noch ungehindert den Eingang zur Schule passieren, am nächsten Morgen empfing mich der Direktor jedoch schon vor der Tür und wollte mir den Eintritt verwehren. Der Aufnäher musste entfernt werden, stattdessen nähte ich an gleiche Stelle ein Verbotsschild, weiß mit rotem Rand. Das wurde von der Schulleitung lächerlicherweise akzeptiert. Wahrscheinlich, weil es dafür keine Weisung von oben gab. Das man mit solch offenen Meinungsäußerungen immer alleine stand, und man nicht auf solidarisches Verhalten anderer hoffen durfte, war eine schwerwiegende Erfahrung dieser Zeit.“
Nach dem Abitur 1983 bemüht sich Gesine Oltmanns um einen Studienplatz im Fach Biologie. Sie träumt davon, sich später beruflich für den Umweltschutz zu engagieren, für den sie sich sehr interessiert. Doch sie bekommt keinen Studienplatz in ihrer gewünschten Fachrichtung. Gesine Oltmanns: „So studierte ich erst einmal gar nichts, zog im Herbst 1983 bei meinen Eltern in Rochlitz aus und kam zunächst bei meinem älteren Bruder in Leipzig unter. Ich wollte raus aus der Provinz. Ich fühlte mich dort sehr beengt und perspektivlos. Der Umzug in die Großstadt veränderte mich über die Jahre sehr. Auf dem Land ist man von der Politik doch sehr weit weg, in einer so großen Stadt wie Leipzig dagegen war man auf einmal ganz nahe dran an denen, die im SED-Staat herrschten. Und auch an den Verboten und Einschränkungen, mit denen der Sozialismus uns überzog. An Menschen, die sich hoffnungslos verbiegen ließen, um nicht anzuecken. Wie traumlos sie damit wurden! Das hat mich sehr frustriert. Menschen ohne Träume sind für mich arme Seelen.“
Langsam fasst sie Fuß in der Großstadt. Ihr Interesse für den Umweltschutz macht sie auf eine recht aktive oppositionelle Gruppe aufmerksam, die „Arbeitsgruppe Umweltschutz“, die unter dem Dach der Kirche agiert. Sie bemüht sich um einen Kontakt und beginnt, sich dort zu engagieren. Im privaten Kreis tauscht sie Literatur aus, die aus dem Westen eingeschmuggelt wird, nimmt an Treffen in verschiedenen Leipziger Wohnungen teil, wo über diese in der DDR verbotenen Bücher diskutiert wird. Als junge, alleinstehende Frau ohne Beruf hat sie unter DDR-Verhältnissen keine Chance auf die Zuweisung einer Wohnung durch die Kommunale Wohnungsverwaltung KWV. So besetzt sie mit einigen Freundinnen, denen es ähnlich geht, 1984 ein fast leerstehendes Abbruchhaus in der Leipziger Bernhard-Göring-Straße. Mit der Zeit ziehen noch mehr junge Leute dort ein. Den Behörden ist die WG natürlich ein Dorn im Auge und es dauert nicht lange, bis die jungen Frauen 1985 zwangsgeräumt werden. Wegen ihrer zunehmend oppositionellen Aktivitäten hat sie die Hoffnung, vom Staat doch noch einen halbwegs akzeptablen Studienplatz zugewiesen zu bekommen, bald aufgegeben. Sie macht ein Praktikum in einem Leipziger Biologie-Labor. Außerdem jobbt sie stundenweise als Hauswirtschaftspflegerin bei der Volkssolidarität, trägt Briefe bei der Post aus. Und bemüht sich, wenigstens eine Berufsausbildung absolvieren zu können. Gesine Oltmanns: „Ich schrieb Bewerbungen, auch für Berufe, die ich nun nicht gerade für die große Erfüllung hielt, zum Beispiel Floristin oder Filmvorführerin. Doch ich wurde immer abgelehnt. Nach mehrmaligem Nachfragen zu den Gründen wurde mir bedeutet, dass man über meine oppositionelle Haltung gut informiert sei. Einmal aus dem Werdegang einer DDR-Biographie ausgebrochen, gab es eben keine Nische mehr für einen individuellen Weg. Die Toleranz--Breite des SED-Staates war extrem schmal. Erst nach fast vierjähriger Suche bekam ich Ende 1987 einen festen Job als Hilfskraft beim Deutschen Verlag für Musik.“
Regelmäßig besucht Gesine Oltmanns seit 1983 die „Friedensgebete“ in der Leipziger Nikolaikirche. Es ist einer jeder wenigen Freiräume für oppositionell Gesinnte, die, unter dem Dach der Kirche, vom Staat geduldet werden. Das kleine Häuflein, meist etwa 50 Teilnehmer, die sich dort jeden Montag um 17 Uhr treffen, geht in der riesigen Nikolaikirche, die mehrere Tausend Besucher fasst, nahezu verloren.
Die dort vorgetragenen „Fürbitten“ beschäftigen sich vor allem mit der Angst der Menschen vor der Rüstungsspirale in Ost und West, vor dem Atomkrieg. Aber auch die Forderungen der vom System Bedrängten, Meinungsfreiheit, Wahrung der Menschenrechte, Reise- und Versammlungsfreiheit kommen zum Ausdruck. Außerdem bieten die Treffen Gelegenheit, Informationen über oppositionelle Aktivitäten auszutauschen. Gesine Oltmanns engagiert sich ab Mitte der 80er Jahre bei mehreren der etwa zwanzig kleinen oppositionellen Gruppen, die die Friedensgebete mitgestalten. Anfangs ist sie Mitgründerin der kleinen „Arbeitsgruppe Gerechtigkeit“, deren zehn Mitglieder auf Menschenrechtsverletzungen in der DDR hinweisen wollen, später auch bei einer Gruppe namens „Initiativgruppe Leben“. Gesine Oltmanns: „Von Seiten der Kirche hatten wir ab Herbst 1988 die Auflage, die bei den Friedensgebeten von uns verlesenen Informationen, von denen sich natürlich viele auch mit unseren politischen Forderungen nach mehr Freiheit beschäftigten, Kirchenvertretern zur Freigabe vorzulegen. In meinen Augen eine besonders perfide Form der Zensur. Nicht die Staatssicherheit schritt ein, sondern die Kirche selbst zensierte sich. Zwei Leipziger Pfarrer, Christoph Wonneberger und Michael Turek kooperierten glücklicherweise mit uns und haben dabei viel auf ihre eigene Kappe genommen, wofür sie viele Schwierigkeiten mit ihren Kirchenoberen bekamen. Diese ließen und uns sicher auch deswegen gewähren, weil die Friedensgebete mit ihren wenigen Besuchern lange Zeit ja nur eine sehr geringe Öffentlichkeitswirkung hatten.“
Das änderte sich schlagartig, als die Staatsmacht um die Jahreswende 1987/88 hart gegen die aufkeimende Opposition zuschlägt. In Berlin durchsucht die Staatssicherheit die „Umweltbibliothek“ in der Ost-Berliner Zionskirche, nimmt mehrere junge Leute unter dem Vorwurf fest, sie würden dort „illegale“ Zeitungen herstellen. Wenig später, im Januar 1988 werden zahlreiche weitere Berliner Oppositionelle verhaftet, darunter der Liedermacher Stephan Krawczyk und die Malerin Bärbel Bohley. Ein Schlag, der Gesine Oltmanns schockt: „Wir hatten damals zwar wenig Kontakt zu den Berliner Gruppen und kannten die meisten Verhafteten nicht persönlich. Dass aber die Staatsicherheit gegen Menschen wie uns so hart zuschlägt, hat mich sehr erschüttert. Nach dem montäglichen Friedensgebet trafen sich in einer Kapelle der Nikolaikirche spontan Teilnehmer des Friedensgebets, um zu überlegen, wie Solidarität mit den Berlinern organisiert werden könnte. Diese Spontanität fand ich in dieser bedrückenden Situation sehr befreiend. Mitglieder der evangelischen Studentengemeinde in Leipzig richteten ein Kontakttelefon ein, bei den Friedensgebeten ging es nun vor allem um Fürbitten für die Verhafteten in Berlin, zusätzlich fanden Solidaritätsandachten statt.“ Die Leipziger Bürgerrechtler fordern die Freilassung der Inhaftierten. Es ist für sie eine große Enttäuschung, als sie Anfang Februar 1988 aus den Medien in Ost und West erfahren, dass der damals für sie Prominenteste unter ihnen, der verhaftete Liedermacher Stephan Krawczyk in der Haft einen Ausreiseantrag gestellt habe und daraufhin von der DDR in den Westen abgeschoben worden sei. Vielen, die sich zuvor wie Gesine Oltmanns für die Freilassung Krawczyks eingesetzt haben, erscheint das wie „Fahnenflucht“. Nähere Informationen darüber, mit welch perfiden Methoden die Staatssicherheit die in Isolationshaft sitzenden Oppositionellen zur Ausreise nötigt, die allesamt lieber in der DDR geblieben wären, um dort für Veränderungen zum kämpfen, sickern zunächst nicht durch. Gesine Oltmanns: „Wir fühlten uns von denen, für deren Freilassung wir protestiert hatten, im Stich gelassen. Doch die Nachricht von der Abschiebung der Verhafteten in den Westen hatte auch noch eine ganz andere Folge: Schlagartig kamen plötzlich nicht mehr 50, sondern gut 500 Besucher zu den Friedensgebeten. Darunter waren nun sehr viele Menschen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Ein Antrag auf Ausreise bedeutete damals ja in der Regel jahrelanges Warten, berufliche Schikanen, soziale Isolierung. Nach den Berichten über die plötzliche Ausreise von Krawczyk hofften viele davon sicher, durch ihre Teilnahme an oppositionellen Aktivitäten ihren Ausreiseantrag zu beschleunigen. Natürlich gab es diesen Bedrängten sicher auch Halt, sich mit Gleichgesinnten treffen zu können. Dafür hatten wir Verständnis. Wir wollten aber hier bleiben und uns in der DDR für Veränderungen einsetzen, für Freiheit, die Wahrung der Menschrechte. Für viele Mitglieder der kleinen Oppositionsgruppen waren die Ausreiser deshalb eigentlich Abtrünnige, die sich aus dem Staub machten, statt zu kämpfen. Das war ein Dauerkonflikt. Auf der anderen Seite freuten wir uns natürlich über den Zulauf für die Friedensgebete.“
Den Kirchenoberen in Leipzig dagegen macht der plötzliche Andrang Angst, denn mit Hunderten von Teilnehmern rücken die Friedensgebete nun auch immer mehr in das Visier der Staatsmacht. Die zwei Leipziger Superintendenten Friedrich Magirius und Johannes Richter mischen sich zunehmend in die Gestaltung der Gebete ein. Den oppositionellen Gruppen, denen Gesine Oltmanns angehört, wird außerdem verboten, bei den Friedensgebeten Informationen über oppositionelle Aktionen zu verlesen oder Flugblätter zu verteilen. Dafür sei in der Kirche kein Platz. Gesine Oltmanns ist darüber noch heute erzürnt: „Wir waren den Herren zu frech. Sie hatten sich wohl in ihren Privilegien, die ihnen die sogenannte friedliche Koexistenz von Staat und Kirche garantierte und die mir aus meiner Jugend als Pfarrerstochter gut bekannt waren, eingerichtet und sahen in uns eine Gefahr, mit der SED aneinanderzugeraten. Gerechterweise muss man natürlich auch sagen, dass es für uns schon einfacher war, sich mit den Leipziger Kirchenoberen zu streiten, als mit der eigentlichen Staatsmacht. Es war für mich auch eine sehr lehrreiche Zeit, entschlossen für seine Sache einzutreten und nicht zurückzuweichen. Und auch eine Schule in Diplomatie, hin und wieder Kompromisse zu finden. Rückblickend habe ich aber für das Zaudern dieser alten Herren damals auch heute wenig Verständnis. Heute bin ich fast in demselben Alter wie sie damals und bin mir sicher, dass ich mich auch jetzt in der selben Situation nicht anders verhalten würde. Was hat sie nur davon abgehalten, sich mutiger zu verhalten? Die Angst um ihre Privilegien? Wenn sie schon angeblich so gläubig waren: Hat sich ihr Herr Jesus Christus um solche lächerlichen Privilegien Gedanken gemacht, als er sich ans Kreuz schlagen ließ?“
Weil die Kirchenleitung den Gruppen verbietet, die Besucher der Friedensgebete in der Kirche über oppositionelle Aktivitäten zu informieren, stellen sich Gesine Oltmanns und ihre Mitstreiter ab Anfang September 1988 demonstrativ jeden Montag zum Ende des Friedensgebet vor die Kirche. Auf einem Stapel Pflastersteine stehend, der sich zufällig vor einer Baustelle nahe der Kirchenpforte türmt, verlesen sie ihre Nachrichten. Eine Notlösung, aber auch ein sehr symbolträchtiger Akt. Der Protest hat die Kirche verlassen und ist auf der Straße, in der Öffentlichkeit angekommen. Gesine Oltmanns informiert die Besucher der Friedensgebete im Herbst 1988 von dort unter anderem über den Rauswurf von vier Abiturienten aus der Berliner Carl-von-Ossietzky-Schule. Die Schüler haben auf einer Wandzeitung in der Schule ihre Abneigung gegen Militärparaden der NVA zum Ausdruck gebracht. Und werden dafür von der Schule relegiert, dürfen kein Abitur mehr machen. Einer dieser vier Schüler ist Phillip Lengsfeld, Sohn der damaligen DDR-Bürgerrechtlerin und heutigen CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Wollenberger. Das ganze gerät zur Staatsaffäre, als sich sogar der SED-nahe Schriftsteller Stephan Hermlin vergeblich für die Schüler einsetzt und West-Medien über den Fall berichten.
Zum 9. November 1988, dem Jahrestag der Reichskristallnacht, verfasst die Gruppe ein Flugblatt, das zu einer Demonstration im Anschluss an das Friedensgebet aufruft. Gesine Oltmanns: „Wir wollten damit nicht nur dem schrecklichen Pogrom gegen die deutschen Juden gedenken, sondern natürlich auch an die Parallelitäten zwischen dem Gesinnungsterror der Nazis und dem der SED erinnern. Wir fühlten uns ja ähnlich verfolgt wie damals die Nazigegner. Und wollten damit auch an einem der zahlreichen Tabu-Themen im SED-Staat rühren.“ Die Produktion der Flugblätter ist ein mühsames Unterfangen. Die wenigen Druckmaschinen oder Kopierer in der DDR unterliegen strenger staatlicher Kontrolle und sind für Normalbürger nicht zugänglich. Nur die Kirche als einzige außerstaatliche Organisation verfügt mit Billigung der SED zum Zwecke von Vervielfältigungen „zum innerkirchlichen Gebrauch“ über wenige alte Ormig-Kopierer und Wachsmatrizengeräte. Die Gruppe behilft sich mit einer alten Wäschemangel, Papier und Matrizen, die man aus Kirchenbüros „organisiert“. Pro Matrize lassen sich mit Hilfe der Wäschemangel 40 bis 50 lesbare Abzüge erzeugen. Vor Beginn des Friedensgebets verteilen Gesine Oltmanns und ihre Mitstreiter die Aufrufe auf den noch leeren Kirchenbänken.
Flugblätter zu verteilen und zu Demonstrationen aufzurufen, ist in der DDR der gerade Weg ins Gefängnis. Je riskanter ihre Aktionen werden, desto mehr macht sich Gesine Oltmanns Gedanken über die möglichen Folgen: „Mir wurde klar, dass wir früher oder später im Gefängnis landen würden. Ich kam zu dem Schluss, dass ich eine lange Haft wohl kaum durchstehen könnte. Dann lieber doch in den Westen. Außerdem sah ich nach meiner langen Suche um eine Ausbildung, dass mir der SED-Staat beruflich sicherlich überhaupt keine Chance geben würde. Im Herbst 1988 stellte deshalb auch ich einen Ausreiseantrag. Nur sehr wenige meiner Freunde wussten von diesem Schritt. Ich schämte mich auch ein wenig dafür, aber ich musste ja auch ein wenig an mich denken. Wem hätte es genützt, wenn ich psychisch an der langen Haft kaputt gehen würde? Für den Fall meiner Inhaftierung hoffte ich, mit dem Ausreiseantrag schneller auf eine der Freikauflisten zu kommen.“ Trotz der Gefahr will sie aber nicht zurückstecken, sondern plant stattdessen sofort eine noch weit riskantere Aktion. Gleichzeitig zu dem jährlich am Todestag der KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl-Liebknecht von der SED veranstalteten Gedenkaufmarsch wollen sie und ihre wenigen Mitstreiter zu einer eigenen Demo aufrufen. Diese soll nicht etwa im Sinne der SED den zwei kommunistischen Ikonen huldigen, die nach ihrem gescheiterten „Spartakus“-Putsch gegen die Weimarer Republik im Januar 1919, mit dem sie Deutschland in eine sozialistische „Räterepublik“ nach Sowjetvorbild verwandelt wollten, von Reichswehr-Offizieren erschossen wurden. Sondern vor allem an das von Rosa Luxemburg überlieferte Zitat, deren Geschichte Gesine Oltmanns damals sehr faszinierte: „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Und damit die SED mit ihren eigenen Mitteln provozieren.
Um möglichst viele Flugblätter herstellen zu können, beschließt die Gruppe, diesmal die zwei ihnen besonders wohlgesonnenen Leipziger Pfarrer einzuweihen. Die beiden machen sofort mit. Pfarrer Turek von der Markus-Kirchgemeinde stellt den Ormig-Kopierer aus seinem Büro zur Verfügung, Pfarrer Wonneberger organisiert ein Wachsmatrizengerät aus Kirchenbeständen und Papier. Damit stellen Gesine Oltmanns und weitere Gruppenmitglieder in den Kirchenbüros 5000 Kopien des Demoaufrufs her. Gesine Oltmanns: „Wir planten, dass insgesamt 14 Leute in Zweiergruppen die Flugblätter nachts in den Briefkästen im gesamten Stadtgebiet verteilen sollten. Aus Sicherheitsgründen informierten wir die anderen erst kurz vor der Aktion, als die Flugblätter schon fertig waren. Um Mitternacht fingen wir an, die Zettel in Briefkästen einzuwerfen. Wir hofften, dass sich bei 5000 Flugblättern doch ein paar Hundert Personen zu unserer Demo auf dem Markt vor dem Alten Rathaus einfinden würden und die Menge damit zu groß und unüberschaubar würde, als dass die Polizei uns alle einfach so verhaften könnte. Um sofort einen Überblick darüber zu haben, ob auch alles glatt gegangen war, vereinbarten wir, dass sich alle sieben Verteilergruppen nach der Aktion bei einer Kontakttelefonnummer melden sollten. Doch zwei Verteiler meldeten sich nicht zurück. Wie wir später erfuhren, wurden sie von irgendeinem aufmerksamen Leipziger, der nachts um zwölf aus dem Fenster guckte, an die Polizei verpfiffen und kurz darauf verhaftet. Uns war sofort klar, dass wir damit alle aufgeflogen waren. Die Verhafteten kannten ja alle restlichen Beteiligten und würden im Verhör durch die Staatssicherheit wohl kaum standhalten. Wir beschlossen, sofort unterzutauchen. Einigen gelang das noch. Ich wollte ebenfalls weg, doch dummerweise ging ich noch einmal in meine Wohnung, um wenigstens ein wenig Kleidung mitzunehmen. Dort warteten sie schon auf mich. Ich wurde verhaftet.“
Gesine Oltmanns landet in der Leipziger U-Haft-Anstalt Beethovenstraße. Das erste Verhör dauert die ganze Nacht. Sie schweigt beharrlich, will auf keinen Fall irgendetwas verraten. Um Zeit zu gewinnen, besteht sie darauf, keinerlei Aussagen zu machen, bevor sie nicht mit ihrem Rechtsanwalt gesprochen habe. Sie fordert dazu den damals in der evangelischen Kirche und bei Oppositionellen als Vertrauensanwalt geltenden Rostocker Anwalt Wolfgang Schnur. Dass Schnur als IM „Torsten“ in Wahrheit ebenfalls zum weitverzweigten Stasi-Netz in der Kirche gehört, dort sogar als Top-Agent gilt, ahnt sie nicht. Doch zum vermeintlich „vertrauensvollen Gespräch“ mit ihrem Anwalt kommt es ohnehin nicht. Schnur meldete sich tagelang nicht, dafür gehen die Verhöre weiter. Gesine Oltmanns: „Ich fühlte mich in diesen Tagen mutterseelenallein und vergessen. Wir waren zwar mehrere Verhaftete, aber vollkommen isoliert voneinander. Ohne Kontakt zueinander, ohne Kontakt nach draußen. Meine vage Hoffnung war, dass einige Freunde Solidarität für uns organisieren würden. Aber ich war mir nicht sicher, ob das etwas bringen würde. Die offiziellen Kirchenvertreter würden uns auf keinen Fall helfen, schließlich hatten wir doch ihrer Kopiergeräte für unsere Aktion missbraucht. Die Vernehmer gingen psychologisch sehr ausgefeilt vor. Versuchten es mal vermeintlich freundlich, mal furchtbar aggressiv. Und verbunden mit der Drohung: Die nächsten fünf Jahre kommen sie hier nicht mehr raus. Die schrecklichen Erinnerungen an diese Verhöre kommen bis heute öfter hoch. Heute weiß ich, dass wir dabei eigentlich noch Glück hatten. Als Sachbearbeiterin bei der Gauck-Behörde lernte ich später viele Menschen kennen, denen es in der DDR der 50er oder 60er Jahre viel schlimmer ergangen war, die das jahrelang durchstehen mussten, in weitaus härteren Knästen. Meine Leiden waren dagegen ja vergleichsweise harmlos. Und trotzdem haben sich mich tief bis ins Innerste getroffen.“
Bei den Verhören wiederholt sie auf alle Fragen lange Zeit nur: „Ich mache keine Aussagen, solange ich nicht meinen Rechtsanwalt gesprochen habe.“ Doch Anwalt Schnur kommt immer noch nicht. Es heißt, er sei „erkrankt“, sie solle einen anderen Anwalt nehmen. Dann legen sie ihr Vernehmungsprotokolle der anderen verhafteten Mitglieder der Gruppe vor und meinen: „Jetzt reden sie doch endlich, schauen sie doch mal, die anderen haben doch schon alles gestanden“. Sie liest sich alles genau durch und gewinnt den Eindruck, dass es tatsächlich so sei. Gesine Oltmanns: „Dann begann ich zu reden und gestand alles. Es war auch eine Erleichterung. Es ging mir nachher richtig gut. Meine Zukunft schien mir klar: die nächsten Jahre verbringe ich im Gefängnis, nun muss ich mich eben darauf einstellen. Und die Hilflosigkeit, die Zweifel, das Grübeln darüber, wie ich mich verhalten soll, sind endlich vorbei.“
Doch es kommt ganz anders. Knapp eine Woche nach dem Geständnis öffnet sich die Zellentür. Sie wird dem Haftrichter vorgeführt, der ihr die sofortige Freilassung verkündet. Von einer Stunde auf die andere ist sie plötzlich frei. Erst draußen erfährt sie den Grund. In der ganzen DDR hat es Solidaritätsaktionen für die Leipziger Verhafteten gegeben. Die Nachricht ist auch in den Westen gedrungen und dort publiziert worden. Bundesaußenminister Genscher hat daraufhin Erich Honecker während der laufenden KSZE-Verhandlungen auf die Verhaftungen in Leipzig angesprochen. Der SED-Chef hat daraufhin offenbar im Hinblick auf das Verhandlungsklima persönlich die Freilassung verfügt. Die Staatssicherheitsleute in Leipzig sind über diesen Ukas von oben wenig erfreut und so versteht Gesine Oltmanns auf einmal auch den merkwürdigen Satz, den ihr der Haftrichter zum Abschied sagte: Er persönlich hätte sie lieber in der Haft behalten, er lasse sie nur sehr ungern frei, aber er müsse es leider tun.
Die plötzliche Freilassung macht Gesine Oltmanns wieder Mut: „Ich empfand nicht nur ein großes Hochgefühl. Ich war plötzlich auch absolut überzeugt davon, dass wir eine gute Chance hätten, uns durchzusetzen. Dass sich 700 Leute versammelt hatten, um für unsere Freilassung zu demonstriere, zeigte doch, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Wir hatten gemerkt, dass wir die Bürger wirklich aktivieren können, dass die Menschen bereit sind, sich für die Freiheit und ihre eigene Meinung einzusetzen. Und dass das SED-Regime an dieser Stelle zurückwich. Man konnte nun ganz klar sehen: Da bewegt sich etwas, es geht in die richtige Richtung. Wir spürten: Die können uns nicht mehr so einfach verhaften. Das machte uns noch freier und unsere Aktionen forscher.“
Im Frühjahr 1989 zieht sie deshalb ihren Antrag auf Ausreise aus der DDR zurück. Sehr zum Frust des zuständigen Bearbeiters beim zuständigen Amt für Inneres, der sie auf einmal lieber heute als morgen hätte ausreisen lassen. Man wäre sie gerne losgeworden, doch nun will sie auf jeden Fall bleiben. Schon kurz nach ihrer Freilassung ist sie bei der nächsten Aktion der Gruppe mit dabei. Zum Jahrestag der Bombardierung von Dresden am 13. Februar fährt sie dorthin. Sie will mit ihrer handvoll Mitstreitern von der „Initiativgruppe Leben“ das jährliche, stille Gedenken der Dresdner nutzen, um mit mitgebrachten Protestplakate ihre Forderungen nach Freiheit publik zu machen. Während des Gedenkgottesdienstes in der Dresdner Hofkirche stellt die Gruppe ihre Protestplakate im Eingangsbereich der Kirche offen sichtbar ab. Ihr Kalkül ist, dass sich einzelne Besucher des Gottesdienstes vielleicht spontan entschließen, die Transparente zur anschließenden Kerzenandacht mitzunehmen. Doch soweit geht der Mut der Dresdner noch nicht. So nehmen Gesine Oltmanns und die mitgereisten Mitglieder ihrer Gruppe die Transparente am Schluss alle selbst in die Hand und marschieren damit in dem andächtigen Zug zur zerstörten Frauenkirche, damals das Mahnmal für die Opfer der Bombennacht. Gesine Oltmanns ist mulmig zumute: „Mir kam ganz plötzlich der Gedanke: Kaum bis du aus dem Knast raus, und schon stehst du wieder da. Wie oft willst du dein Schicksal noch herausfordern.“ Doch alles geht gut, sie wird nicht behelligt.
Bei den Kommunalwahlen am 7.Mai 1989 kommt es zum ersten Mal zu landesweiten Protesten von vielen kleinen Oppositionsgruppen gegen die in der DDR übliche, massive Wahlfälschung.
In den mehr als 40 Jahren ihrer Herrschaft perfektioniert die SED das System der Wahlfälschung in der DDR. Die einzigen halbwegs freien Wahlen in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland finden im Oktober 1946 im Gebiet der Stadt Berlin statt. Trotz massiver Manipulationsversuche der sowjetischen Militäradministration kommt die durch die Zwangsvereinigung von KPD und SPD in den Ostsektoren entstandene Sozialistische Einheitspartei SED dort nur auf 19,8 Prozent. Die SPD, die nur in den Westsektoren offen antreten darf, siegt mit 48,6 Prozent, die CDU kommt auf 22,2 Prozent. Bei den gleichzeitig stattfindenden Kommunal- und Landtagswahlen in den anderen sowjetisch besetzten Gebieten Deutschlands ist die SPD völlig verboten, andere demokratische Parteien sind vielerorts gar nicht zur Wahl zugelassen, ihre Funktionäre mit Verhaftungen eingeschüchtert. Trotzdem siegen auch dort in vielen Orten bürgerliche Parteien wie die CDU oder die freiliberale LDP. Das Wahlergebnis ist ein großer Schock für die SED-Führung unter Walter Ulbricht. Die SED-Führung forciert daraufhin ihre Kampagne zur Ausschaltung der bürgerlichen Opposition und zur Gleichschaltung und Unterwanderung der bürgerlichen Parteien. Bürgerliche Politiker werden verhaftet oder zur Flucht getrieben, die Vorstände der ostdeutschen CDU und LDP mit Einflussagenten der SED besetzt. Alle Parteien werden zu einer Einheitsliste, der „Nationalen Front“ unter Führung der SED zusammengeschlossen. Bereits 1950, zur ersten Wahl nach Gründung der DDR, stehen nur noch die „Kandidaten der Nationalen Front“ zur Wahl. Den Bürgern bleibt, den bereits vorgedruckten Wahlzettel als Zeichen der Zustimmung abzugeben. Wer mit „Nein“ stimmen will, muss vor aller Augen im Wahlraum sämtliche auf dem Wahlzettel aufgeführten Namen der „Kandidaten der Nationalen Front“ einzeln durchstreichen. Solche „Nein-Wähler“ haben mit Repressalien zu rechnen. Die Empörung über die für jeden ersichtliche Wahlfälschung ist einer der Auslöser für den Volksaufstand des 17. Juni 1953, „freie und geheime Wahlen“ eine Haupt-Forderung der Aufständischen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Truppen wird die Wahlverweigerung zum gängigsten Mittel des „stillen“ Protests. Auch dagegen geht die SED vor. Ganze Belegschaften von Betrieben werden agitiert, „geschlossen“ zur Wahl zu erscheinen, um den Gruppenzwang auf mögliche Nicht- oder „Nein“-Wähler zu erhöhen. Unabhängig davon werden die Auszählungsergebnisse schlussendlich ganz einfach zugunsten der SED-geführten „Nationalen Front“ gefälscht. So verkündet der Vorsitzende der Wahlkommission der DDR-Kommunalwahl im Mai 1989, das SED-Politbüromitglied Egon Krenz das augenscheinlich absurde Resultat, dass angeblich 98,77 Prozent aller wahlberechtigten DDR-Bürger an der Wahl teilgenommen hätten und davon 98,55 Prozent für den „Wahlvorschlag“ der „Nationalen Front“ gestimmt hätten. Insgesamt hätten überhaupt nur 142 000 der 12,2 Millionen Wahlberechtigten eine gültige Gegenstimme abgegeben. Während das Delikt der Wahlfälschung schon so manchem bayerischen Dorfbürgermeister, der ein paar Stimmzettel zu viel in die Urne geworfen hat, vor den Kadi brachte, wird das Strafrechts-Verfahren wegen Wahlfälschung gegen den DDR-„Wahlleiter“ Egon Krenz übrigens 1997 von der bundesdeutschen Justiz ohne Urteil und ohne Strafe eingestellt.
Um gegen die Wahlfälschung zu demonstrieren, verteilt die Gruppe um Gesine Oltmanns im Vorfeld Flugblätter, in denen sie Nichtwähler auffordert, als Zeichen des Protests mit ihren Wahlbenachrichtigungen auf den Leipziger Markt zu kommen. Gesine Oltmanns: „Dass die Wahlen massiv gefälscht werden, war ja ein offenes Geheimnis. Wir wollten den Leipzigern damit zeigen, wie die SED gegen friedliche Demonstranten mit nachvollziehbaren Botschaften gewaltsam vorgeht. Und, sollte man uns wider Erwarten gewähren lassen, so würde das langfristig Freiräume schaffen, so unsere Strategie.“ In der Tat schlagen Volkspolizei und Staatssicherheit den Protest gegen die Wahl nieder. Am Wahltag selbst folgen etwa 1000 Nichtwähler dem Aufruf und versammeln sich auf dem Leipziger Markt. Nahe der Nikolaikirche werden mehrere Personen verhaftet, am Tag nach der Kommunalwahl noch einmal 16 Teilnehmer der Friedensgebete. 500 Teilnehmer des Friedensgebets werden zeitweise eingekesselt, um sie an einem Demonstrationsmarsch zu hindern.
In der ganzen DDR, vor allem in Berlin, kommt es zu ähnlichen Protestveranstaltungen gegen die Wahlfälschung. Bis Ende Juni 1989 bestimmen sie die Berichte der West-Medien über die Ereignisse in der DDR. Dann steht auf einmal ein weit größeres Massenphänomen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der politische Umbruch in den nahen „Bruderländern“ Polen und Ungarn löst ab Anfang Juli 1989 eine seit dem Mauerbau 1961 beispiellose Fluchtwelle aus der DDR aus. Im Juni 1989 finden nach der von der national-konservativen Gewerkschaft Solidarnosc und der katholischen Kirche beförderten Revolution in Polen die ersten freien Wahlen statt, als Resultat wird der bürgerliche Politiker Tadeusz Mazowiecki am 24. August ´89 als erster nichtkommunistischer Premier Polens vereidigt. In Ungarn geht der Wandel von der kommunistische Staatspartei UVP selbst aus, bereits im Herbst 1988 haben dort westlich orientierte Reformkommunisten die Macht in der Partei übernommen. Ab Anfang Mai 1989 beginnen sie, zunächst von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, mit dem Abbau der Grenzanlagen gen Westen. Erst am 27. Juni 1989, als der neue ungarische Außenminister Gyula Horn bei einem Pressetermin bei Sopron den Draht des Eisernen Vorhangs vor laufenden Kameras des West-Fernsehens symbolisch mit einem Bolzenschneider durchtrennt, realisieren die meisten ausreisewilligen DDR- Bürger, die das Ereignis via West-Fernsehen erleben, die historische Dimension.
In Warschau und Budapest flüchten sich daraufhin Tausende DDR-Bürger in die dortigen westdeutschen Botschaften. Weitere Zehntausende DDR-Fluchtwillige, davon viele zufällige Sommer-Touristen vom Balaton, entschließen sich mehr oder minder spontan, in Ungarn zu bleiben, dort die Flucht über die sich öffnende Grenze zu versuchen oder einfach zu warten, bis das Reformland gänzlich mit dem Ostblock brechen und ihnen die legale Ausreise gestatten würde. Gebannt verfolgt auch Gesine Oltmanns im West-Fernsehen in Leipzig diese Geschehnisse, hat dabei gemischte Gefühle. Auf der einen Seite freut sie sich, dass die Fluchtwelle zur weiteren Destabilisierung des SED-Regimes beiträgt. Auf der anderen Seite ist sie traurig, dass so viele Menschen, die zu einer demokratischen Revolution in der DDR beitragen könnten, dem Land den Rücken kehren. Gesine Oltmanns: „Ich hatte das Gefühl, dass wir besonders in dieser Situation, wenn so viele DDR-Bürger ihr Land verlassen, offen zeigen müssten, dass wir hier bleiben und für unsere Menschenrechte und unseren Wunsch nach Veränderungen eintreten. Ich wartete schon sehnsüchtig auf den 4. September 1989, den Tag, an dem nach der jährlichen vierwöchigen Sommerpause die Friedensgebete in der Nikolaikirche wieder losgehen sollten. Am Morgen des 4. September traf ich mich in meiner WG-Wohnung in der Leipziger Mariannenstraße 46 mit meinen Freunden Katrin Hattenhauer und Uwe Schwabe von der Initiativgruppe Leben. Wir schnitten Betttücher zu vier Transparenten zurecht und schrieben in aller Eile Parolen darauf: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“, „Reisefreiheit statt Massenflucht“, „Versammlungsfreiheit-Reisefreiheit“. Dann wickelten wir sie uns um den Bauch, um sie zu verstecken, gingen zu dritt zur Straßenbahn. Wir bemerkten sofort, dass wir wie so oft von Stasi-Leuten überwacht wurden. Doch in der Straßenbahn konnten wir sie abhängen. Wir stiegen ein, sie mit uns, dann sprangen wir schnell wieder heraus und den Stasis schnappte die Türe vor der Nase zu. Auf Umwegen gelangten wir zu Fuß zur Nikolaikirche, gerade rechtzeitig zu Beginn des Friedensgebetes. Während der Fürbitten sprachen wir einige Freunde an und fragten sie, ob sie bereit seien, nach dem Gebet zusammen mit uns die Transparente zu tragen. Wir waren ja nur drei Leute und hatten vier große Transparente, die man nur zu mindestens zweien halte konnte. Es war aber überhaupt kein Problem, es fanden sich genügend, die gerne mitmachten. So spontan ging es bei uns sehr oft zu. Trotz des hohen Risikos, dem sich dabei jeder aussetzte.“ Nach dem Gebet strömen etwa Tausend Teilnehmer zum Ausgang der Kirche und von dort auf den Nikolaikirchhof, den kopfsteingepflasterten Platz vor der Nikolaikirche. Mehrere westliche Kamerateams und Fotografen, die wegen der gleichzeitig stattfindenden Leipziger Herbstmesse eine Genehmigung haben, in der Stadt zu filmen, warten dort schon. Ein Glücksfall, denn nur zu den jeweils einwöchigen Messezeiten dürfen West-Reporter ohne große Schwierigkeiten nach Leipzig reisen, ansonsten nur mit besonderer und im Regelfall verweigerter Genehmigung der DDR-Behörden.
Gesine Oltmanns erinnert sich: „Wir waren überrascht, dass so viele West-Reporter da draußen standen, auch wenn wir unsere Aktion in jedem Fall durchgezogen hätten. Wir entrollten sofort die Transparente. Katrin und ich trugen vorneweg das Plakat mit der Aufschrift: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Es war nur für einen kurzen Moment zu sehen, dann stürmen von der Seite Stasi-Leute in Zivil heran und rissen es uns aus den Händen. Es gab noch ein kurzes Gerangel, einer der Stasi-Leute zog mich noch an dem Transparent hängend über das Kopfsteinpflaster. Ich wollte es auf keinen Fall kampflos preisgeben. Dann hakten wir uns zu einer Menschenkette unter, die Mitglieder unserer Gruppe in der ersten Reihe, dahinter die anderen, einige Hundert Menschen. Vor uns baute sich die Volkspolizei zu einer Kette auf. Wir marschierten ein Stück auf die Vopos zu, doch wir merkten, dass die anderen hinter uns nicht mitziehen. Unser Protestmarsch war also eigentlich schon nach wenigen Schritten zuende.“
Trotzdem gehen die Ereignisse des 4. September 1989 auf dem Leipziger Nikolaikirchhof als die „erste“ Leipziger Montagsdemo in die Geschichte ein. Die Aufnahmen der Fernsehkameras laufen wenige Stunden später nicht nur im westdeutschen Fernsehen, sondern rund um den Globus. Gesine Oltmanns selbst hat an diesem Abend keine Zeit, das West-Fernsehen zu sehen. Sie erfährt erst später von der großen Wirkung ihrer Aktion. Doch dafür sehen die Bilder Millionen ihrer Landsleute in der DDR. Im Westfernsehen, denn die Journalisten des DDR-Fernsehens und der DDR-Zeitungen schweigen wie gewohnt sowohl die Fluchtwelle als auch die Demo in Leipzig tot. Ermutigt von den TV-Bildern aus dem Westfernsehen kommen am folgenden Montag noch weit mehr Menschen. Die Volkspolizei und die Staatssicherheit schlagen diesmal hart zu, die Westjournalisten sind nach dem Ende der Herbstmesse ja zwangsweise wieder abgereist, so gibt es keine unliebsamen Zeugen. Viele werden verhaftet, auch Gesine Oltmanns Mitstreiterin Katrin Hattenhauer. Sie selbst entkommt nach einer Flucht durch die Hinterhöfe der verwinkelten Leipziger Innenstadt.
Doch auch am folgenden Montag, dem 18. November, ist der Nikolaikirchhof wieder voll. Im Gedrängel setzt sich die Menschenmenge fast automatisch in Bewegung, Richtung Karl-Marx-Platz, es ist wie die Bewegung eines Stromes, ohne Organisation oder Anführer. Da braucht es kein Megaphon und keine Versammlungsleiter. Weitere drei Wochen später, am 9. Oktober 1989, der in der Stadt bis heute jedes Jahr als „Tag der Entscheidung“ gefeiert wird, marschieren dann 70.000 Menschen über die Ringstraße der Innenstadt. Dann sind es bald viele Hunderttausend, zuletzt mehr als eine Million Demonstranten, in 511 der insgesamt 649 Städte und Gemeinden der DDR mit mehr als 3000 Einwohnern. Gesine Oltmanns, die die ersten Montagsdemo angeführt hat, ist mit dabei, als eine unter vielen. „Mutterseelenallein“, so wie sie sich noch ein Jahr zuvor fühlt, ist sie nun nicht mehr. Mit vielem, was der Wendeherbst bringt, ist sie damals aber trotzdem nicht immer einverstanden. Wie sie, wünscht sich die Mehrzahl des kleinen, wenige hundert Personen starken Kerns der ostdeutschen Bürgerrechtler, dass es vor einer schnellen Wiedervereinigung Deutschlands zunächst zu einem Selbstfindungsprozess der Ostdeutschen kommt. Zu einer langen „Runden-Tisch-Diskussion“, wie in Polen, zu Bürgerrechtlern als Präsidenten wie in der Tschechoslowakei. Enttäuscht ist sich auch, dass die Parteien der DDR-Bürgerrechtler wie Bündnis 90 oder Demokratischer Aufbruch bei den ersten freien Wahlen im März 1990 nicht mehr Stimmen bekommen (Bündnis 90: 2,9%; DA: 0,9%). Nicht nur die jahrzehntelange Misswirtschaft der Kommunisten, sondern auch durch die deutsch-deutsche Sondersituation bedingt einen anderen Weg. Die schnelle Wiedervereinigung, die den totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR für die Menschen im Osten Deutschlands abfedert. Die Bürgerrechtler von 1989, damals in ihrem Ziel, die SED zu stürzen geeint, denken heute, 15 Jahre später, sehr unterschiedlich über das Ergebnis. Diejenigen, die sich in der Politik engagieren, sind heute bei verschiedensten Parteien aktiv. Der ehemalige Dresdner Oppositionelle Arnold Vaatz und der Ost-Berliner „Blues-Messen-Pfarrer“ Rainer Eppelmann als Bundestagsabgeordnete bei der CDU, ebenso der ehemalige DDR-Friedensaktivist Werner Schulz bei den Grünen, die „Jean d´ Arc“ der friedlichen Revolution“ Bärbel Bohley als Wahlkampfhelferin für die FDP. Die DDR-Pfarrerstochter und Physikerin Angela Merkel, heute CDU-Bundesvorsitzende und mögliche baldige Kanzlerin der Bundesrepublik, der Germanist und bekennende Katholik Wolfgang Thierse, zu Ost-Zeiten wegen seines Protests gegen die Biermann-Ausbürgerung beruflich geschasst, heute als Bundestagspräsident zweithöchster Repräsentant des Staates, waren beides zwar keine Aktivisten in der ersten Reihe wie Gesine Oltmanns, schätzten aber wie sie den aufrechten Gang. Die Zahl der Menschen, die in der DDR unter widrigsten Bedingungen für die Werte des Westens, der Freiheit und Demokratie eintraten, für den aufrechten Gang im falschen System, mag klein sein. Es handelt sich aber trotzdem um eine eigene Generation des deutschen Volkes insgesamt, die mit ihrem Eintreten für die Werte der Freiheit, der Demokratie und des Rechtsstaats dem ganzen Volk ein Beispiel geben. Insbesondere der großen Mehrheit des deutschen Volkes, nur weil sie das Glück hatten, im Westen damit in der nunmehr schon dritten Generation wie selbstverständlich aufzuwachsen.
Gesine Oltmanns: „Auch wenn ich mir einiges anders gewünscht hätte, war die Wende natürlich auch für mich eine große Befreiung. Endlich hatte ich viele Möglichkeiten und die freie Entscheidung über mein Leben. Ich hätte mir zu DDR-Zeiten nie vorstellen können, Kinder zu haben. Dazu empfand ich die Lebensverhältnisse dort als viel zu bedrückend. Ich begann Jura zu studieren und arbeitete ab 1992 als Sachbearbeiterin bei der Gauck-Behörde, betreute dort politisch Verfolgte aus DDR-Zeiten bei der Einsicht in ihre Stasi-Akten. 1992 wurde mein erster Sohn Ansgar geboren, 1993 heiratete ich meinen Mann Christian. Seitdem haben wir noch sechs Kinder gekommen: 1994 unsere Tochter Imke, 1996 Hilde, 1998 Lennart, 2000 Janik, 2002 Malte und 2004 Merten. Meinen Beruf musste ich deshalb inzwischen natürlich aufgeben.
Mit sieben Kindern in der heutigen Gesellschaft zu leben, ist für mich wieder eine Art Provokation. Mit einer großen Familie muss man ganz andere Prioritäten setzen. Man braucht viel Improvisations- und Organisationstalent für den Alltag. Dies ist eine riesige Herausforderung. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass man dafür statt mancher scheeler Blicke aus der Nachbarschaft mehr gesellschaftliche Anerkennung erfahren würde.“
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|  Die Fotos von oben nach unten: Das Foto, das Geschichte schrieb. Die erste Leipziger Montagsdemo im Herbst 1989. Gesine Oltmanns und Katrin Hattenhauer mit dem Plakat "Für ein off'nes Land mit freien Menschen". ZDF-Mann Christhard Läpple und sein Team hielten diese historische Szene fest. Darunter eine Aufnahme nur Sekunden später. Stasi-Leute stürmen von allen Seiten auf die Frauen zu, entreißen ihnen das Plakat (Fotos mit freundlicher Genehmigung des ZDF und Christhard Läpple). Darunter zwei Fotos, die zeigen, was an diesem 4. September 1989 anschließend passierte (Copyright: Archiv Bürgerbewegung Leipzig). Die Bürgerrechtler, darunter Gesine Oltmanns haken sich unter, geben nicht auf. Ganz unten ein Foto einer Leipziger Montagsdemo von Dezember 1989. Der mutige Protest, der von einigen wenigen ausging, ist zu einer Massenbewegung geworden, die auch die SED nicht mehr stoppen kann (Archiv Bürgerbewegung Leipzig).
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