Zeitzeuge Georg Frank, geboren 1940 in Dresden
Ich rannte durch den Feuersturm
Text: Gerald Praschl
Georg Frank stehen Tränen in den Augen, seine Stimme stockt. Er findet kaum Worte für das Grauen, das er in der Bombennacht von Dresden erlebte: „Mit jedem Einschlag vibrierte die Decke, der Putz flog uns auf den Kopf, das Haus erbebte. Viele Menschen weinten. Andere saßen mit starrem Blick in der Ecke und erwarteten den Tod.“
Georg Frank ist heute (2005) 65 Jahre alt. Nach einem arbeitsreichen Leben als Werkzeugmacher ging er vor drei Jahren in Rente. 60 Jahre liegt die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 nun schon zurück.Doch für ihn ist es manchmal, als wäre es gestern geschehen. Frank: „Der 13. Februar 1945 war der Faschingsdienstag.Gut gelaunt und mit einer Clownsmütze begleitete ich meine Mutter am Nachmittag beim Einkaufen. Ich tollte herum, und so war ich abends entsprechend müde. Mutter brachte mich früh ins Bett.Mein Vater kam an diesem Abend gegen 21 Uhr von der Arbeit nach Hause. Er war als einer der wenigen jungen Männer nicht an der Front. Als Werkzeugmacher in einem Rüstungsbetrieb galt er als unabkömmlich.Wir lebten zu dritt in einer kleinen Wohnung in der Dürerstraße in Dresden-Johann seinen selbstgebauten Radioempfänger in Betrieb. Ich lag schon im Bett. Nach einer Weile hörte er die Meldung:Achtung,Achtung! Starke angloamerikanische Bomberverbände im Anflug auf Dresden. Bitte suchen Sie sofort die Luftschutzräume auf!“ Frank:„Meine Eltern rissen mich aus dem Bett, zogen mich notdürftig an. Dann flohen wir die Treppe runter in den Keller. Beim Hinunterlaufen hörten wir schon den Luftalarm und in der Ferne das dumpfe Brummen der Flugzeugmotoren und die ersten Einschläge von Bomben. Eine Nachbarin, die alte Frau Weinhold, schrie immer nach ihrem Mann. Der hatte sich geweigert, mit in den Keller zu gehen, war in seiner Wohnung im vierten Stock geblieben. Da oben ist er dann wohl auch umgekommen. Nach dem ersten Angriff wagte sich Vater kurz hinaus auf die Straße. Alles brannte, er sah ein paar Feuerwehrleute, die noch versuchten zu löschen. Dann kam der zweite Angriff, der noch viel schlimmer war. Im Keller wurde es immer heißer und stickiger.“ Die Flucht durchs Feuer. Frank: „Dann lief brennender Phosphor durch die Kellerfenster, alles füllte sich mit Rauch, wir mussten fliehen. Meine Eltern wickelten mir ein nasses Tuch um, mein Vater nahm mich auf die Schultern, meine Mutter klammerte sich an uns fest. Als wir die Straße erreichten, erfasste uns der Feuersturm. Es war so heiß wie in einem Ofen. Der Sturm riss mir das Tuch vom Kopf. Um uns herum war alles eine einzige Feuerhölle.“
Die Familie erreichte die Ecke Dürerstraße/Fürstenstraße (heute Fetscherstraße). Frank: „Dort sah man nun einen riesigen Bombentrichter,meterhohe Flammen. Meine verzweifelte Mutter riss sich los und rannte in Richtung des Feuers.Sie hatte wohl den letzten Lebensmut verloren und wollte der Qual ein Ende machen. Mein Vater hielt sie im letzten Moment zurück und zog sie zu sich, rettete sie. Der kleine Koffer, in den meine Eltern unsere wenigen wertvollen Dinge gepackt hatten, ging dabei verloren. Schmuck, Geld – aber das war in so einer Situation völlig egal.“ Die Rettung. Vorbei an der brennenden Kinderklinik erreichten die Franks die rettenden Elbwiesen,wo sie mit tausenden anderen Ausgebombten die Nacht verbrachten.Am nächsten Morgen flohen sie aus dem brennenden Dresden. Gerade noch rechtzeitig.Auf dem Weg stadtauswärts hörten sie hinter sich schon wieder die Bomber, die die Stadt erneut angriffen. Nichts ist vergessen. Nach seiner Pensionierung fing Georg Frank im Jahr 2003 an, seine Erinnerungen für seinen Enkel aufzuschreiben. Als Mahnung gegen Krieg und Gewalt. Was wir erlebt haben, das wünsche ich keinem Menschen.“ |  |  | 
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|  Von oben: Georg Frank mit seinen Eltern Anfang der 40er Jahre. Georg Frank als KLeinkind. Zeitzeuge Frank im Gespräch mit Autor Gerald Praschl. Georg Frank mit dem einzigen Gegenstand, den er aus den Trümmern bergen konnte: Einem Dreifuß, den sein Vater zur Schuhreparatur benutze. Ganz unten: Der Platz, an dem einst das Wohnhaus der Familie stand. Fotos/Repros: Nikola Kuzmanic
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