Zeitzeugin Brigitte Brosche, geboren 1925
»Als die Bomben fielen, fuhr ich Straßenbahn«
Text: Gerald Praschl
Einen verblichenen Zettel hütet Brigitte Brosche, geboren 1925 in Dresden, seit 60 Jahren wie einen kleinen Schatz. Er erinnert sie an die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Es ist ein Fahrbericht der Dresdner Straßenbahn. Er trägt das schreckliche Datum: Dienstag, der 13. Februar 1945. Brigitte Brosche: „Eigentlich lernte ich damals Stenotypistin bei einem Baubetrieb. Nach Feierabend half ich täglich als Schaffnerin bei der Straßenbahn aus. Die Männer waren ja an der Front, da mussten wir Frauen umso mehr arbeiten. Außerdem war das auch ein kleiner Zusatzverdienst. Wir waren recht arm.Mein Vater ist 1927 jung gestorben, meine Mutter hatte nur einen Job als Wäscherin in einer Kleiderfabrik. Wir drehten jeden Pfennig um.“
Der Fahrbericht ist das Protokoll, das Schaffnerin Brigitte Brosche von der letzten Fahrt der Straßenbahnlinie 17 durch Dresden machte. Abfahrt um 21.28 Uhr an der Gottleubaer Straße in Striesen.Vorbei an der majestätischen Kulisse der von der Frauenkirche überragten Altstadt. Nur Minuten später wurde alles zu einer riesigen Feuerhölle.
Das Inferno. Brigitte Brosche: „Als wir die Carola-Brücke überquerten, ging der Luftalarm los.Mit den Fahrgästen flüchtete ich am Carolaplatz aus der Bahn.Wir sahen noch, wie die ersten Flugzeuge Leuchtkörper abwarfen, Christbäume nannte man sie.Damit die Bomberpiloten ihr Ziel besser sehen. Ich war kaum an der Treppe zu einem der Luftschutzkeller angekommen, da krachten schon die ersten Bomben. Ein unfassbarer Knall, der dir durch alle Knochen geht und den du dein Leben lang nicht vergisst. Durch die Wucht wurde die Eingangstür des Hauses,in dem ich mich befand, durch den ganzen Hausflur geschleudert. Beinahe hätte mich das Ding erschlagen. Es kam uns vor wie ewig, da unten im Keller zu sitzen, die ungeheuren Explosionen über uns.Als wir nach Stunden rauskrochen, stand ich mitten in der Hölle. Überall brannte es, alles war voller Trümmer und Toter. Viele Menschen sind ja von der Hitze, die die Brände entwickelt haben, auf der Straße regelrecht verglüht. Ihre verschmorten Leichen waren oft klein wie Puppen.“
Die Angst um die Mutter. Quer durch dieses Inferno taumelnd suchte Brigitte Brosche den Weg in die Wohnung in der Gehestraße, wo sie mit ihrer Mutter lebte. „Auf dem Weg sah ich unfassbare Szenen. Menschen,die aus brennenden Häusern in den Tod sprangen. Ich kann gar nicht sagen, welche Erleichterung es war, als ich meine Mutter wohlauf in die Arme schloss. Soga unser Haus stand noch.“
Der nächste Angriff. Bis zum nächsten Mittag. Da kamen die Bomber wieder. Zusammen mit ihrer Mutter kauerte Brigitte Brosche im Keller, als oben Brandbomben einschlugen und Rauch und Feuer sich im Haus ausbreiteten. Die junge Frau konnte aus der brennenden Wohnung noch ein paar Kleidungsstücke retten. Und ein Foto, das an der Wand hing, bevor der Rest ein Raub der Flammen wurde. Brigitte Brosche: „Nun waren auch wir ausgebombt.Aber wenigstens am Leben und gesund. Nach Wochen in einer Notunterkunft bekamen wir zu unserer großen Freude eine Ein-Zimmer-Wohnung beim Kino Faunpalast in der Leipziger Straße zugewiesen. Genau eine Nacht haben wir dort verbracht. Dann, am 17.April, wurde Dresden erneut angegriffen. Diesmal erwischte es voll die Neustadt. Ich war auf Arbeit, rannte sofort nach dem Angriff nach Hause. Ich fand meine weinende Mutter vor dem brennenden Haus. Nur knapp war sie dem Phosphor der Brandbomben entkommen, der schon in den Luftschutzkeller lief. Ihre Haare waren schlohweiß, sie schien in ein paar Stunden um Jahre gealtert.
Nach Kriegsende half ich mit, die Trümmer wegzuräumen und engagierte mich beim Wiederaufbau in der DDR. Die schreckliche Erinnerung an den Untergang von unserem schönen alten Dresden hat mich ein Leben lang begleitet. Ich habe als Lehre mitgenommen, dass man sich dafür einsetzen muss, dass so ein Krieg nicht wieder kommt. Und für den Frieden kämpfen muss. Nie wieder Krieg! |  |  | 
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|  Fotos (von oben): Brigitte Brosche als Straßenbahnschaffnerin 1945. Darunter ein Jugendfoto von 1943, das sie aus ihrer brennenden Wohnung rettete. Der Fahrbericht, den sie als Strapenbahnschaffnerin am 13. Februar 1945 anfertigte. Letzer Eintrag: 21.28. Gottleubaer Straße. Darunter der Carolaplatz heute und ein Luftbild des Circus Sarrasani am Carolaplatz in den 30er Jahren. Fotos/Repros: Nikola Kuzmanic
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